«Es ist enorm, wie stark der Leiter der Post im Schaufenster steht»

Seit 42 Jahren arbeitet Ulrich Hurni für die Post, seit Juni als Konzernleiter. Nach einem der wohl schwierigsten Jahre der Schweizerischen Post freut er sich jetzt auf die Stabübergabe an seinen Nachfolger.

11.12.2018
Interview: Fredy Gasser; Fotos: Simon B. Opladen

Ulrich Hurni, Sie führen die Post in einer ausserordentlich spannenden Zeit – was hat Sie in den letzten Monaten am meisten gefordert?

Die Übernahme der Leitungsfunktion im Konzern im Juni kam für mich sehr überraschend und alles ging sehr schnell.

Mit Ihrer grossen Führungserfahrung wohl kein Problem?

Ich hatte sicher den Vorteil, dass ich durch meine langjährige Tätigkeit für die Post – insbesondere als Leiter PostMail und stellvertretender Konzernleiter - das ganze Unternehmen und damit die Mitarbeitenden und die aktuellen Geschäfte in den einzelnen Bereichen gut kenne. Trotzdem hatte ich grossen Respekt vor dieser Aufgabe in dieser schwierigen Zeit. Was mich dabei einmal mehr und bis heute beeindruckt, ist das enorme Engagement und die Unterstützung aller Mitarbeitenden.

Wenn im nächsten April Roberto Cirillo als Ihr Nachfolger kommt, treten Sie wieder ins zweite Glied zurück – wird Ihnen das schwerfallen?

Das wird mir überhaupt nicht schwerfallen, denn es war von Beginn weg klar, dass dieser Übergang kommen wird. Und ich betone es gerne noch einmal: Ich hatte in dieser Situation und nach 42 Jahren Tätigkeit für die Post wirklich nie die Absicht, selbst für die Konzernleiterstelle zu kandidieren. Ich liebe meinen Job als Leiter von PostMail und freue mich, diesen für die Post wichtigen Bereich zusammen mit der Geschäftsleitung von PM weiterentwickeln und führen zu dürfen.

Hat sich Ihre Perspektive in diesen Monaten als oberster Postchef verändert?

Grundsätzlich finde ich: So viel anders ist es nicht, einen Bereich mit 16 000 oder die Post mit 60 000 Mitarbeitenden zu führen. Für den Konzernleiter ist es allerdings von grösster Bedeutung, auf die Unterstützung des Verwaltungsrates zählen zu können. Ansonsten ist auch die Leitung des Konzerns eine klassische Führungsarbeit, wie ich sie von PostMail seit Jahren kenne. Natürlich ist die Themenvielfalt für den Leiter eines Mischkonzerns, wie es die Post ist, wesentlich grösser als bei einem einzelnen Geschäftsbereich. Was mir in den letzten Monaten noch bewusster geworden ist: Es ist schon enorm, wie stark der Leiter der Post im Schaufenster der Öffentlichkeit steht, ob in der Politik, in den Medien oder bei den Kundinnen und Kunden.

Sie kennen den Service public der Schweiz wie nur wenige andere – was für Erwartungen muss der neue Postchef Roberto Cirillo erfüllen?

Es sind die klassischen Anforderungen an einen Leiter eines Unternehmes unserer Grösse. Er muss eine ausgewiesene Führungspersönlichkeit sein. Unser Geschäft findet heute nicht mehr nur in der Schweiz statt, so ist seine internationale Erfahrung sicher ein Plus. Der Erfüllung des Grundversorgungsauftrages in hoher Qualität ist höchste Priorität beizumessen. Das schränkt die unternehmerische Handlungsfreiheit zum Teil ein, und damit muss der Chef umgehen können. Wie bei jeder anderen Firma sind die Bedürfnisse der wesentlichen Anspruchsgruppen wie der Kunden und Mitarbeitenden wegweisend.

Als Unternehmen im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit einem Grundversorgungsauftrag kommen noch einige weitere dazu.

Ja, deshalb ist es wichtig, dass der neue Konzernleiter mit allen umgehen kann: den Aufsichtsbehörden wie dem Bundesamt für Kommunikation BAKOM, der Postkommission PostCom und auch den verschiedenen politischen Gremien. Und: Er muss sich auch bewusst sein, dass er stark im Fokus der Medien stehen wird. Er wird Zeit benötigen, um unsere Geschäfte, unsere Prozesse, Dienstleistungen, Kunden und die Mitarbeitenden kennenzulernen. Dafür darf er sich auf eine äusserst spannende, interessante und fordernde Aufgabe freuen.

Wo sehen Sie für 2019 die grossen Meilensteine für die Post? Wo die grossen Baustellen?

Grundsätzlich geht es darum, die Strategie 2017 bis 2020 weiter umzusetzen. Die Richtung stimmt. So wird PostFinance das Programm Victoria weiter umsetzen, und PostLogistics wird das erste regionale Paketverarbeitungszentrum in Cadenazzo in Betrieb nehmen. Bei PostNetz sind wir auf einem sehr guten Weg mit der Netztransformation, der Bereinigung des Drittproduktesortiments und auch der Modernisierung vieler eigenbetriebener Filialen. PostMail optimiert weiter ihre Prozesse, um auch im nächsten Jahr einen sehr wichtigen Beitrag zum Gesamtresultat zu liefern; zudem beginnt die Installation des MixMail Sorters in Mülligen. SPS setzt alles daran, um weiter zu wachsen, und bei PostAuto geht es darum, das Vertrauen insbesondere gegenüber den Auftraggebern – Bund, Kantone, Gemeinden - wiederzugewinnen.

Was wünschen Sie sich für die Post im nächsten Jahr?

Ich wünsche mir, dass wir die oben beschriebenen Massnahmen erfolgreich umsetzen und dass der Bundesrat die Vorlage zur Aufhebung des Kredit- und Hypothekarverbotes im Sommer freigibt. Und natürlich wünsche ich mir, dass wir für möglichst wenige Negativschlagzeilen sorgen. Das ist auch für unsere Mitarbeitenden wichtig, erledigen sie doch engagiert und mit Freude täglich ihre Aufgaben. An mir wird es liegen, die Konzernleitungsaufgaben reibungslos an Roberto Cirillo zu übergeben.

Sie sind 1976 in die Dienste der Post eingetreten – würden Sie diesen Schritt aus heutiger Sicht nochmals wagen?

Ganz klar ja. Ich arbeite bis heute gerne und mit viel Neugier und Freude für die Post und werde dies auch weiterhin tun.

Nie an ein Berufsleben ausserhalb der Post gedacht?

Falls «Back to the future» wirklich möglich wäre, gäbe es für mich zur Post nur zwei Alternativen: Ich wäre entweder F/A-18-Pilot geworden, oder dann selbständiger Unternehmer.

Zur Person

Ulrich Hurni (60) arbeitet seit 1976 bei der Post und hat früh Führungsverantwortung übernommen, etwa bei PostFinance, Swisscom, beim Aufbau von Swiss Post International – und seit 2009 bei PostMail, dem grössten Bereich der Post. Seit Juni 2018 ist er Konzernleiter. Der ursprünglich gelernte Postkaufmann hat unter anderem einen Executive MBA der Universität Zürich. Unter seiner Führung ist PostMail mehrfach ausgezeichnet worden. Hurni ist verheiratet und lebt am Murtensee.