«Der Aufwand hat sich in den meisten Fällen gelohnt»

Thomas Baur, Leiter PostNetz, über die intensiven Gespräche mit den Kantonen und Gemeinden, die Veränderungen für die Mitarbeitenden und weshalb er keine schlaflosen Nächte hat.

30.10.2018
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: Lena Schläppi

Es ist Halbzeit beim Netzumbau. Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Umsetzung?

Ich bin sehr zufrieden! Unsere Netzspezialisten und die Regionenleiter machen einen tollen Job. Wir haben am Anfang unser Lehrgeld bezahlt, aber heute läuft es in den allermeisten Fällen hervorragend. Wir sind gut unterwegs.

Sie haben viele Gespräche mit Kantons- und Gemeindevertretern geführt. Hatten Sie schon schlaflose Nächte deswegen?

Bei PostNetz überhaupt nicht. Wir machen ja schliesslich etwas Gutes. Wir haben unsere Gründe für den Netzumbau, und wir müssen handeln. Schlecht schlafen würde ich, wenn wir nichts täten und nur hoffen würden, dass am Schluss der Steuerzahler unser Defizit übernehmen wird.

Wie aufwändig war es, passende Lösungen mit den verschiedenen Partnern zu finden?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Ich erinnere mich an die ersten Gespräche, da herrschte überall eine unglaubliche Opposition. Doch mit der Zeit hat sich dies stark verbessert. Am einfachsten ist es, wenn beide Parteien offen aufeinander zugehen und für die Bevölkerung und die Post die beste Lösung treffen. Dies ist uns in über 80 Prozent der zu überprüfenden Filialen gelungen.

Und der Rest?

Es gibt Gemeinden, mit denen wir keine gemeinsame Lösung gefunden haben. Diese Fälle gehen dann vor die PostCom (unabhängige Behörde, die den Postmarkt beaufsichtigt, Anm. d. Red.), die eine Empfehlung abgibt.

Eigenbetriebene Filialen werden reduziert. Trotzdem spricht die Post immer von einer Zunahme der Zugangspunkte. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, natürlich nicht. Die Anzahl Zugangspunkte nimmt rasant zu. Aktuellstes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Migros: Gemeinsam mit ihr werden wir neue Servicepunkte schaffen. So nimmt die Anzahl der Servicepunkte schnell um mehrere Hundert Stellen zu. Damit sind wir Monat für Monat näher bei den Kunden.

Werden Servicepunkte – beispielsweise der My Post 24-Automat – überhaupt ausreichend genutzt?

Sie werden zum Teil noch zu wenig genutzt. Wenn eine eigenbetriebene Filiale umgewandelt wird, müssen wir die Übergangszeit besser nutzen, um den Kundinnen und Kunden die Alternativen näherzubringen.

Im Frühjahr wurde der 100. My Post 24-Automat in Betrieb genommen, weitere 100 Standorte sollen bis 2020 hinzukommen. Ist eine solche Maschine wirklich ein gleichwertiger Ersatz für eine geschlossene Filiale?

Nein, sicher nicht. Ein My Post 24-Automat ersetzt nie eine eigenbetriebene Filiale. Er ist eine Ergänzung. Während die Briefe und Einzahlungen zurückgehen, nehmen die Pakete stark zu. Hier müssen und wollen wir Möglichkeiten bieten, die während 24 Stunden 7 Tage die Woche zugänglich sind.

Mit den Filialen nach neuem Konzept – wie etwa zuletzt in Freiburg – investiert die Post wieder vermehrt in «gelben Beton». Weshalb dieser Richtungswechsel?

Wir investieren in den wenigsten Fällen in Beton. Der grosse Teil der Investitionen fliesst in die Ausbildung der Mitarbeitenden, die Infrastruktur (Beratungszonen) sowie die Auffrischung des Inventars (offene Schalter).

Eigenbetriebene Filialen werden also auch in Zukunft nicht verschwinden?

Mit den modernisierten Filialen setzen wir ein klares Zeichen: Für uns sind eigenbetriebene Filialen auch in Zukunft wichtig. Wir investieren in den nächsten Jahren rund 40 Millionen Franken in die Modernisierung von rund 300 Filialen. Denn wir wollen auch weiterhin einen direkten Zugang zu unseren Kunden haben. Damit spüren wir, welche Bedürfnisse sie haben und können ihnen unsere Produkte näherbringen. Ich glaube an meine Leute. Sie haben die Kompetenz, eine sehr breite Palette von Produkten und Dienstleistungen zu kennen. Nun gilt es, verstärkt in die Ausbildung der digitalen Produkte zu investieren.

Muss die Post als Service-public-Unternehmen mit ihren Filialen überhaupt Gewinn erwirtschaften?

Wir haben keine Zielvorgaben, kostendeckend zu wirtschaften. Wir haben aber Vorgaben, effizient zu wirtschaften und unser Netz laufend den veränderten Bedürfnissen unserer Kunden anzupassen. Unser Netz darf uns momentan rund 100 Millionen Franken kosten. Dies ist absolut gerechtfertigt, weil wir mit unseren Postprodukten Gewinne erzielen. Wäre das nicht mehr der Fall, würden wir sicher kein Netz mehr in dieser Grössenordnung anbieten.

Wie geht es mit dem Postnetz nach 2020 weiter?

Die Netzentwicklung wird weitergehen, allerdings nicht mehr in diesem Tempo. Wir bieten dort ein Netz an, wo auch eine Nachfrage besteht. Wir haben deshalb nicht die Absicht, wieder ein grosses Netzumbauprojekt zu starten. Ausser, der Markt würde sich grundlegend verändern.

Zum Beispiel?

Wenn die Einzahlungen am Schalter total einbrechen, würde auf einen Schlag 30 Prozent des Umsatzes wegfallen. Dann müssten wir natürlich entsprechend reagieren. Das würde jedes andere Unternehmen auch so tun. Von solchen Szenarien gehe ich aber nicht aus. Ich gehe davon aus, dass es weiterhin Anpassungen geben wird, aber eher punktuell.

Zur Person

Thomas Baur (54) ist seit über 20 Jahren im Topmanagement der Post tätig. Seit 2016 als Leiter PostNetz. Er hat ein MBA ETH in Supply Chain Management. Baur stammt aus einer Pöstlerfamilie; seine Eltern haben sich bei der Post kennengelernt. In seiner Freizeit reist er gerne und ist oft in den Bergen.