Ihrer Zeit voraus

Equal Pay Day, Internationaler Frauentag, Frauen-Networking usw. – die Geschlechterfrage bewegt die Gesellschaft auch heute noch. Und die Post? Ein Blick in die Geschichte der Postmitarbeiterinnen bringt Erstaunliches zutage.

16.02.2016
Text: Annick Chevillot
  • Delphine Albrecht, PostAuto: «Ich bin mir aber nicht sicher, ob die zentrale Frage in der Arbeitswelt eine Geschlechterfrage ist.»

    Delphine Albrecht, PostAuto: «Ich bin mir nicht sicher, ob die zentrale Frage in der Arbeitswelt eine Geschlechterfrage ist.»

  • Renate Schoch, PostFinance: «Im Branchenvergleich hat PostFinance einen hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen.»

    Renate Schoch, PostFinance: «Im Branchenvergleich hat PostFinance einen hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen.»

  • Marina Bartetzko, Asendia: «Im Benchmark mit anderen Firmen macht die Post schon viel. Teilzeit im Kader, flexible Arbeitszeiten, unbezahlter Urlaub, Career Break, Unterstützung für externe Kinderbetreuung, Telearbeitsplatz und vieles mehr.»

    Marina Bartetzko, Asendia: «Im Benchmark mit anderen Firmen macht die Post schon viel. Teilzeit im Kader, flexible Arbeitszeiten, unbezahlter Urlaub, Career Break, Unterstützung für externe Kinderbetreuung, Telearbeitsplatz und vieles mehr.»

  • Helene Antoinette Mueller, PostFinance: «Es müssen beide Geschlechter die Vorteile der Vielfalt erkennen, damit beide auch am gleichen Strick ziehen.»

    Helene Antoinette Mueller, PostFinance: «Es müssen beide Geschlechter die Vorteile der Vielfalt erkennen, damit auch beide am gleichen Strick ziehen.»

  • Nikoletta-Sotiria Seraidou, CarPostal: «Man sollte nicht den Fokus auf das Geschlecht legen.»

    Nikoletta-Sotiria Seraidou, CarPostal: «Man sollte den Fokus nicht auf das Geschlecht legen.»

  • Isabelle Haas, Kommunikation: «Chancengleichheit ist eine Selbstverständlichkeit. Auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird viel getan.»

    Isabelle Haas, Kommunikation: «Chancengleichheit ist eine Selbstverständlichkeit. Auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird viel getan.»

«Es gab keine «erste Frau» bei der Post, weil die Frauen seit Anfang dabei waren, als Posthalterin oder Postbotin», erklärt Madeleine Burri, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Archiv und der Bibliothek PTT in Köniz. Auch bei der Einführung des Postlehre waren Frauen zugelassen. «Der Unterschied liegt eher in den Positionen, welche die Frauen einnehmen konnten. Es gab Berufsfelder, die explizit als Männer- oder Frauenberufe angesehen wurden, und die Frauen waren lange Zeit von der diplomierten Ausbildung ausgeschlossen. Sie konnten also keine Kaderstellen einnehmen. Diese Unterscheidungen haben sich Anfang der 1970er aufgelöst.»

Schon in den Anfängen sehr fortschrittlich

Die Geschichte reicht allerdings viel weiter zurück. Wie das historische Dokument «Geschichte der Schweizerischen Post 1849–1949» belegt, dachte schon die allererste Postverwaltung sehr fortschrittlich: «Als sich im Jahre 1868 die Postverwaltung entschloss, zur Rekrutierung und Ausbildung ihrer Beamten Aufnahmeprüfungen und eine Lehrzeit einzuführen, sah sie die gleichzeitige Einstellung auch von Frauen unter gleichen Bedingungen wie für junge Männer vor, um den Fortschritten der allgemeinen Bildung und der Rechtsstellung zu entsprechen. (…) Von 1869 bis 1894 wurden im Ganzen 268 weibliche Beamtenlehrlinge aufgenommen und ausgebildet. Ende 1894 standen an solchen Arbeitskräften im Beamtendienst: 102 Postkommis, 31 Aspiranten und 11 Lehrlinge. (...) Mehrere [weibliche Postkommis] rückten um die Jahrhundertwende herum in die Stellungen von Dienstchefs oder Postverwalterinnen bei wichtigen Betriebsstellen vor (Payerne, Territet, Moutier).» Doch nahm der «Bestand in den folgenden Jahren rasch ab. Die letzte patentierte Postbeamtin schied im Jahre 1932 aus.»

Einfache Gehilfinnen

Es waren aber nicht die Frauen, die dem Beamtendienst den Rücken kehren wollten. Vielmehr drängten sie ihre männlichen Kollegen dazu: «An Paketschaltern kann sie nicht uneingeschränkt verwendet werden, für Nachtdienste und den Bahnpostdienst fällt sie ausser Betracht. (...) Die Anwesenheit von weiblichen Postkommis in grossen Betriebsstellen wirkte sich als Hindernis [für das männliche Personal] aus. Es erschien nicht mehr wirtschaftlich, sie zu gleichberechtigten Postkommis auszubilden. Dies führte zuerst zur Herabsetzung des Höchstgehalts des weiblichen Postkornmis um Fr. 400.» Aber: «Diese Massnahme vermochte die festgestellten Nachteile nicht zu beseitigen oder aufzuwiegen. Die Verwaltung nahm daher von 1894 an keine weiblichen Lehrlinge mehr auf.»

Das heisst allerdings nicht, dass die Frauen bei der Post keinen Platz mehr fanden. Die Verwaltung schuf drei Gruppen von Tätigkeiten, die sogenannten Gehilfinnen, also den Frauen, vorbehalten waren. Abermals «sahen die Postbeamten die Wiedereinstellung weiblicher Arbeitskräfte anfänglich sehr ungern» und kämpften über Jahre unnachgiebig dagegen an. Letztlich sah sich die Postverwaltung gezwungen, die Einstellung von weiblichem Personal zu beschränken – bis der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 eine neue Situation schuf, heisst es in dem historischen Dokument weiter.

Nicht gern gesehen

Frauen wurden reihenweise in die Postverwaltung geholt, um den Mangel an männlichen Arbeitskräften auszugleichen. Die Zahlen sprechen für sich: 1882 – 614 Frauen, 1940 – 1438 Frauen, 1946 – 2033 Frauen und 1948 – 2802 Frauen. Eine Minderheit kämpfte dennoch weiter gegen die Feminisierung der Postverwaltung an: die Postboten. «Kurz nach der Demobilmachung der Armee im Mai 1945 drang der Angestelltenverband auf baldige Entlassung der noch im Briefzustelldienst stehenden Frauen. Trotz Personalmangel gab die Generaldirektion nach.»

Heute eine Selbstverständlichkeit

Im Jahr 2016 wäre ein solcher Entscheid schlicht undenkbar. Mit 26 156 Mitarbeiterinnen in der Schweiz beträgt der Frauenanteil bei der Post 48,3 Prozent – über sämtliche Abteilungen und Hierarchiestufen hinweg. Eigentlich stellt sich die Geschlechterfrage heute gar nicht mehr, und die Gleichstellung der Frau ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Anfang der 1970er-Jahre erhielten die Frauen neben dem eidgenössischen Stimmrecht (1971) auch die Möglichkeit, bei der Post Karriere zu machen (1972) und eine Postbotenuniform zu tragen (1973). Seither wurden zahlreiche Projekte und Initiativen zur Förderung der beruflichen Entwicklung von Frauen umgesetzt. Anna Nater und Priska Häne waren 1984 die ersten Frauen im Bahnpostdienst – einer Männerhochburg par excellence. 1987 wurde Martha Dammann die erste Leiterin eines Postamtes (Zürich 48). Das in den 1990er-Jahren lancierte Programm «Taten statt Worte» verlieh der Bewegung neuen Schwung. 1995 wurden Hanna Weiersmüller und Marylin Gilliard die ersten Abteilungschefinnen in einer Kreispostdirektion (Aarau und Lausanne). Im Jahr 2015 dann die grosse Premiere bei PostAuto: die Ernennung von Delphine Albrecht als Leiterin der Region Bern.

Im Zuge der Gleichstellung von Frauen und Männern erhielt die Post in vier Jahrzehnten ein komplett neues Gesicht. Heute ist die Geschlechterfrage für Frauen kein Hemmschuh mehr, sondern ein Sprungbrett. Die Politikerin und Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst hatte also recht, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts sagte: «Frauen sind erst dann erfolgreich, wenn niemand mehr überrascht ist, dass sie erfolgreich sind.»

Absolute Chancengleichheit für alle

Die Ernennung von Susanne Ruoff zur neuen Konzernleiterin am 1. September 2012 ist ein gutes Beispiel dafür, aber nicht das einzige: «Der gesellschaftliche Wandel hat dazu geführt, dass die Frauen von heute nicht nur gut ausgebildet sind, sondern auch andere Rollen im Beruf und Privatleben leben und ihre Lebensstile nicht mehr den alten Schemata entsprechen. Für die Post ist die Diversität eine selbstverständliche Angelegenheit. Wir wissen aus eigener Anschauung, dass gemischte Teams erfolgreicher und effizienter sind. Die Post richtet sich mit ihren Förderprogrammen und fortschrittlichen Arbeitszeitmodellen nach den Bedürfnissen dieser neuen Generation aus. Bei der Post ist die Förderung der Diversität kein isoliertes Programm, sondern Teil einer übergeordneten Strategie, die ein gutes Management der Vielfalt sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben anstrebt. Wir möchten den Anteil von Frauen in Kaderpositionen erhöhen. Dazu haben wir unsere Rekrutierungsstrategie und die Durchmischung von Teams mit Mitarbeitenden aus der Deutsch- und Westschweiz sowie dem Tessin optimiert. Jede Stelle im Top- und oberen Kader wird konsequent zu 80 bis 100 Prozent ausgeschrieben. Hier haben wir bereits viel unternommen, aber durch den Ausbau unserer internen Mitarbeitendennetzwerke, Ausbildungskurse und Sensibilisierungsmassnahmen können wir die Mitarbeitenden – Frauen wie auch Männer – noch besser unterstützen.»

Einerseits ist die Präsenz von Frauen im Unternehmen normal geworden, andererseits sind sie nach wie vor in Führungspositionen untervertreten: 12,5 Prozent der Frauen bekleiden derzeit Funktionen im oberen Kader der Post. Für Männer wie für Frauen sind zahlreiche Programme lanciert worden, um unter anderem die Vielfalt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die berufliche Weiterentwicklung zu fördern. Der Idealzustand – das perfekte Gleichgewicht – liegt in Griffnähe. Es fehlt nur noch die Umsetzung in die Praxis.

Entdecken Sie die Geschichte der Frauen bei der Post und sehen Sie sich die Bilder dazu an: www.mfk.ch/home/
www.oralhistory-pttarchiv.ch

Handeln

Am 24. Februar ist der Equal Pay Day. Schweizweit sind zahlreiche Aktionen, Referate und Roundtables geplant. Susanne Ruoff hält an diesem Tag in Zürich an einem von der Universität St. Gallen organisierten Anlass einen Vortrag zum Thema «Women's Perspectives on Leadership and Career Growth».

www.es.unisg.ch/womens-event

www.equalpayday.ch

Das Netzwerk BPW (Business and Professional Women) organisiert den achten Equal Pay Day aus dem einfachen Grund, dass der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen im Jahr 2014 nach wie vor 15,1 Prozent betrug.

Die Post ist Mitglied dieses Netzwerks, und die Mitarbeiterinnen des Unternehmens dürfen ein Jahr lang gratis an Veranstaltungen ihrer Wahl teilnehmen.

Am 8. März ist der Internationale Frauentag. Das Motto 2016 lautet: «Planet 50-50 by 2030: Step It Up for Gender Equality».

www.unwomen.org

http://8mars.info/

Zum 100. Todestag von Marie Heim-Vögtlin, der ersten Schweizer Ärztin und ersten Gynäkologin Europas, hat die Post vor Kurzem eine Briefmarke herausgegeben.

Intern und extern existieren zahlreiche Programme, Plattformen, Schulungen und Partnerschaften:

– Die Plattform femdat.ch ist ein Karriereportal für Frauen in Führungspositionen: www.femdat.ch

– Die Plattform GetDiversity setzt sich dafür ein, mehr Frauen in Verwaltungsräte zu bringen: www.getdiversity.ch

– Die Plattform Advance bietet weiblichen Kadermitgliedern die Möglichkeit, Weiterbildungskurse zu besuchen: www.advance-women.ch

– Eine Plattform zur Förderung von Teilzeitarbeit und flexiblen Arbeitszeitmodellen: www.teilzeitkarriere.ch

– Das Netzwerk MOVE bietet interessante Aktivitäten rund um das Thema Vereinbarkeit von Karriere, Familie und Freizeit: pww.post.ch/MOVE. Am 2. März ist eine Veranstaltung zu diesem Thema geplant (Anmeldung via LMS).

– Das Netzwerk MOSAICO fördert die Kulturen- und Sprachenvielfalt bei der Post: pww.post.ch/MOSAICO

– Das Netzwerk RAINBOW fördert die Toleranz vor allem gegenüber homosexuellen, bi- und transsexuellen Mitarbeiterinnnen und Mitarbeitern: pww.post.ch/RAINBOW

– Auch bei PostFinance gibt es neue Angebote zum Thema Geschlechterfragen. Einerseits den «Workshop Gender Challenge» (Anmeldung via LMS) und andererseits ein Sommerferienprogramm für Schulkinder. In Bern können Kinder von 7 bis 14 Jahren in der Woche vom 11. bis 15. Juli an einem Zirkusprogramm teilnehmen. Weitere Infos auf PostConnect: PF-Ferienwoche 2016.