Der gesellschaftliche Wandel als Chance

Noch nie hat sich die Welt so rasant verändert. Mit der Digitalisierung schaffen Wirtschaft und Gesellschaft Innovationen und entwickeln neue Modelle. Auch die Post ist gefordert.

Ausgabe 9/2017
Text: Sandra Gonseth; Fotos: Museum für Kommunikation, Bern; Illustrator: Christina Messerli, Fanny Güdel
  • Postbüro Hombrechtikon 1918

    Postbüro Hombrechtikon 1918

Wie sagt man doch so schön: Die Kinder sind das Abbild unserer Gesellschaft. Das erlebt auch die Berner Pädagogin Barbara Baer täglich hautnah mit: «Die Schüler sind heute offener, kritischer und denken mehr mit.» Durch die Digitalisierung seien sie zwar ständig abgelenkt und oft wenig ausdauernd, dafür aber ideenreich, interessiert und würden auf Neues sehr flexibel reagieren.

Auf der anderen Seite steht die ältere Generation, die sich mit dem digitalen Wandel und der globalisierten Arbeitswelt eher schwer tut. «In der Tat», sagt der Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger, «bietet der Wandel vor allem für junge, gut ausgebildete und mobile Menschen neue Chancen.»

Veränderungen sind nicht aufzuhalten

Doch was ist der gesellschaftliche Wandel überhaupt? «Es geht einerseits um Veränderungen der demografischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse», erklärt François Höpflinger. So sei die Bevölkerung heute im Vergleich zu 1970 älter, besser ausgebildet und profitiert auch im Rentenalter von einer längeren gesunden Lebenserwartung. Andererseits bedeute der Wandel auch veränderte Werthaltungen. Zum Beispiel das Sicherheitsempfinden, das in einer unsicheren Gesellschaft zunehme, oder die verstärkte Bedeutung der Individualisierung. Letztere schlägt sich auch im Kaufverhalten nieder: Der Kunde will Produkte, die seinen individuellen Bedürfnissen entsprechen.

Fast alle Branchen und Berufe betroffen

«Unsere Kunden werden immer mobiler und anspruchsvoller», beschreibt Dieter Bambauer, Leiter PostLogistics, das Kundenprofil. «Wird etwas online bestellt, soll es bereits am nächsten Tag zu Hause ausgepackt werden können.» Dass sich dieser Trend fortsetzen wird, ist auch François Höpflinger überzeugt: «Schon heute werden vermehrt digitale Angebote genutzt, und die Bevölkerung tätigt ihre Einkäufe, Post- oder Bankgeschäfte in überregionalen Zentren.» Vom veränderten Kundenverhalten seien zwar praktisch alle Branchen und Berufe betroffen, besonders gefordert würden aber Dienstleistungsunternehmen, die sowohl junge als auch ältere Kunden betreuen. Denn dort gebe es grosse Generationenunterschiede bei den Bedürfnissen.

Die Post erlebt den grössten Umbruch

Genau zwischen diesen Generationenunterschieden muss die Post als traditionsreiches Unternehmen eine Brücke schlagen. «Die Post hat sich im Verlauf der Geschichte stets den Veränderungen und neuen Technologien angepasst», sagt Bernhard Häuselmann, Projektleiter Strategie Post. «Sobald das erste Auto fuhr, war der Postsack schon drin», schmunzelt er. Mit der Digitalisierung erlebe die Post nun wahrscheinlich den grössten Umbruch in ihrer Geschichte.

«Wir beschäftigen uns zurzeit intensiv mit Wachstums- und Entwicklungsthemen, suchen Trends, schauen, ob sie sich für die Post flächendeckend umsetzen lassen», erklärt Bernhard Häuselmann. Denn: Die Post müsse sich dort aufstellen, wo die Kunden sind. Ein Beispiel ist der Umbau des Postnetzes, das Stück für Stück an die neuen Kundenbedürfnisse angepasst wird (siehe Grafik). Die Post testet aber auch Innovationen wie die autonomen Busse oder die Lieferroboter auf ihre Praxistauglichkeit, um herauszufinden, mit welchen neuen Technologien die Kunden noch besser bedient werden können.

Weitere Treiber für Veränderungen

Die Treiber für Veränderungen bei der Post sind neben gesellschaftlichen und technologischen aber auch rechtlich-politische. «Teils sind der Post die Hände gebunden», betont Bernhard Häuselmann. Wie im Bankensektor, wo die Post bis dato zwar über eine Banklizenz verfügt – ihr jedoch noch immer ein Kreditverbot auferlegt wird. Auch der Wirtschaftsdachverband economiesuisse appellierte kürzlich an die Politik, nicht mit voreiligen Regulierungen die für die Transformation nötigen Freiräume zu beschneiden.

Die neue Studie des Verbands zeigt, dass die Schweiz auch dank ihrem hervorragenden Berufsbildungssystem grundsätzlich gut aufgestellt ist, den digitalen Wandel zu meistern. «Es hängt jetzt wesentlich davon ab, ob es gelingt, die mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen positiv, offen und mit viel Selbstvertrauen anzugehen», erklärt Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse. Denn niemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, wohin uns die gegenwärtigen Entwicklungen in fünf, zehn oder zwanzig Jahren bringen werden.