Ängste am Arbeitsplatz: Sprechen Sie darüber!

Sie sind offenbar ein Tabuthema: Über Ängste – vor dem Chef, vor einer Entlassung, davor, Ziele nicht zu erreichen oder einen Fehler zu machen – spricht man nicht. Und wenn doch? Dann ist dies ein erster Schritt, um sich nicht länger von ihnen beherrschen zu lassen.

22.09.2015
Text: Annick Chevillot; Fotos: Keystone

Angst macht Angst! Nach mehrmonatigen Recherchen muss man leider zum Schluss kommen, dass es quasi ein Ding der Unmöglichkeit ist, über Angststörungen im beruflichen Umfeld zu sprechen. Wie aber diskutiert man ein Problem, das totgeschwiegen oder manchmal gar geleugnet wird? In der «Aussenwelt» sind Gefahren allgegenwärtig: Verkehrsunfälle, Überfälle, verbale oder physische Angriffe oder Hundebisse. Sie alle werden in den Bereichen klar erkannt.

Intern bestehen andere Ängste. Jeder Mitarbeitende empfindet hin und wieder Angst im Arbeitsalltag, sei es bei einer tiefgreifenden Veränderung im Unternehmen, bei Restrukturierungen, Reformen oder einer internen Reorganisation, angesichts von zunehmendem Druck oder wenn Gerüchte kursieren. Solche Faktoren können Menschen geradezu lähmen vor Angst.

Jede Veränderung kann Besorgnis oder sogar Angst verursachen, bestätigt der Personalverantwortliche Yves-André Jeandupeux: «Wir alle erleben Veränderungen, sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privatleben. Die Aufspaltung der PTT in Swisscom und Post im Jahr 1998 führte bei der Post nicht nur zu einer neuen Unternehmensstruktur, sondern auch zu einem grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur, der sich sehr direkt auf die Mitarbeitenden auswirkte. Dass in der Übergangsphase Verunsicherung herrschte, ist nur natürlich. Aus diesem Grund war es damals – und ist es auch heute noch – wichtig, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit geeigneten Massnahmen durch die Veränderungen zu begleiten.»

Unterschätzte Ängste

Seither hat sich die Post immer wieder verändert, entwickelt, ist gewachsen und hat innovative Neuerungen eingeführt. Die meisten betroffenen Mitarbeitenden stehen diesen schnellen, häufigen Veränderungen positiv gegenüber. Andere hingegen erleben sie als brachial und entwickeln Ängste. Ängstliche sehen oft vermeintliche Gefahren, wo Nicht-Ängstliche nur eine normale Situation sehen. «Angst ist wie eine Maus, die ständig an Geist und Seele nagt und uns auslaugt», erklärt Christophe André, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Saint-Anne in Paris. «Studien zeigen, wie sehr Ängste die Lebensqualität einschränken und wie viele Schuldgefühle damit verknüpft sind, denn die Umgebung nimmt die Angst einflössenden Umstände oft nicht als sehr schlimm wahr.»

Empathie

Personen, die nicht unter chronischen Ängsten leiden, halten sie oft für einen Charakterzug. Dem ist aber nicht so. Ängste sind Symptome einer Störung, die behandelt werden kann, und kein unabänderliches Schicksal. «Einem von Ängsten geplagten Kollegen helfen Sie am besten, wenn Sie ihm professionelle Hilfe empfehlen. Nicht unbedingt, um sich in Therapie zu begeben, sondern um eine neutrale Meinung zur Situation zu erhalten», erklärt Guido Bondolfi, Professor für Psychiatrie an der medizinischen Fakultät der Universität Genf. «Dies ist eine gute Art, einen Kollegen oder eine Kollegin dazu zu bringen, sich selbst zu helfen.»

Genau dies will auch die Sozialberatung der Post: «Mit unseren Interventionen versuchen wir ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den verschiedenen komplexen Systemen, in denen ein Angestellter sich zurechtfinden muss», erläutert Enrico Tolotti, Leiter Sozialberatung Region Westschweiz. «Auf der einen Seite sind da ein sich ständig veränderndes Arbeitsumfeld, auf der anderen Seite soziale Verpflichtungen gegenüber Familie und Freunden. Wenn eine oder beide dieser Welten Ängste verursachen, müssen wir gemeinsam Lösungen finden, um sie einzudämmen.»