Postauto fährt Milch ins Tal

Samt Milchanhänger steuert Cornelia Glaus das Postauto am frühen Morgen die kurvige Bergstrasse von Saxeten nach Wilderswil (BE) hinunter.

21.06.2016
Text: Simone Hubacher; Fotos: Monika Flückiger
  • Das Postauto steht beim Schulhaus Saxeten samt Milchanhänger bereit für die erste Fahrt des Tages nach Wilderswil.

  • Cornelia Glaus führt ihre Tochter Vanessa (hinten links) und andere Schülerinnen ins Tal.

  • Der grosse Milchwagen saugt in Wilderswil die Saxeter Milch innert weniger Sekunden ab.

  • Trotz Regenwetter stets guter Laune: Cornelia Glaus.

  • Die Kindergartenkinder verlassen um 8.15 Uhr das Postauto in Wilderswil.

  • Kleiner Schwatz mit Bauer Walter Balmer an der Hauptstrasse in Wilderswil, bevor der Milchanhänger wieder angekoppelt wird.

  • «Poschi» und Milchanhänger sind bereit für die Rückreise nach Saxeten.

  • Die Strasse hinauf nach Saxeten.

  • Geschafft! Cornelia Glaus hat nach zwei Kursen eine Pause und Zeit zum Posieren.

  • Präzisionsarbeit: Zuletzt fährt sie den Anhänger zurück ins «Milchhüsli» in Saxeten.

Ein trüb-nasser Frühlingstag im Bergdorf Saxeten oberhalb von Interlaken (BE). Es ist 6.10 Uhr. Bei einer Garage nahe dem Dorfeingang brennt schon Licht im Postauto. Die Fahrerin Cornelia Glaus bereitet den Mercedes Sprinter mit Allradantrieb für den heutigen Tag vor. Ausnahmsweise ist sie nicht alleine. Michael Lengacher, Saxeter und neuer PostAuto-Fahrer, wird sie heute begleiten, um mit den Details des Kurses 31.111 vertraut zu werden. «Da wir auch Milch ins Tal bringen, ist der Kurs in der Tat etwas anders», lacht Cornelia Glaus, startet das Fahrzeug und fährt es 200 Meter weiter durchs Dorf zum «Milchhüsli».

Es ist 6.25 Uhr, als sie die ausgebaute Garage, in der es nach Käserei riecht, aufschliesst und den Anhänger mit dem 1500-Liter-Tank vom Kühlsystem abhängt. Zentimetergenau steuert sie das Postauto rückwärts zum Anhänger und koppelt ihn an. «Jeweils abends bringen die fünf ansässigen Bauern ihre Milch hierher. Über Nacht steht der gekühlte, volle Anhänger hier, und mit dem ersten Kurs am Morgen nehmen wir die Milch mit ins Tal.»

Ab 6.40 Uhr steht das Postauto samt Anhänger vor dem Schulhaus. Kurz darauf steigt eine junge Frau ins Postauto. «Guten Morgen, wie gehts?» Man kennt sich, hat Zeit für einen kurzen Schwatz. Nacheinander treffen drei Oberstufenschülerinnen ein – eine davon, Vanessa, ist die Tochter von Cornelia Glaus. Wegen der rückläufigen Schülerzahlen musste die Schule Saxeten vor drei Jahren geschlossen werden. Nun fahren die Jungs und Mädels mit dem Postauto die 7,5 Kilometer hinab ins Tal nach Wilderswil.

Vom kleinen in den grossen Milchwagen

7.15 Uhr, PostAuto-Station Wilderswil, Bahnhof. Fahrerin und Gäste verabschieden sich. Michael Lengacher holt eine grosse am Bahnhof deponierte Papiertüte. «Das ist Brot fürs Rösli», sagt Cornelia Glaus. Rösli – das ist keine Frau, sondern das Hotel-Restaurant Alpenrose in Saxeten.

U-Turn mitten im Dorf. Bevor Cornelia Glaus die sechs Zwischenstopps bis Saxeten erneut anfährt, hält sie an der Hauptstrasse, direkt beim Kuhstall von Bauer Walter Balmer. Heute ist das Timing perfekt: Der grosse Milchwagen steht schon da. Innert weniger Augenblicke saugt dessen Rohr die ganze Saxeter Milch – heute sind es 817 Liter – aus dem Tank ab, bevor er die Fahrt via Kandertal mit Ziel Aaremilch AG in Thun fortsetzt. Der Anhänger setzt nun eine Runde aus – Cornelia Glaus wird ihn eine Stunde später wieder mit nach Saxeten nehmen.

7.51 Uhr. Der zweite Kurs des Tages verlässt Saxeten. Diesmal sitzen die Kindergartenkinder im Postauto. Und neu ist Michael Lengacher am Steuer. Als Saxeter kennt er die Kurven in- und auswendig, steuert er den Mercedes Sprinter souverän nah an die Felswand, um einen breiten LKW passieren zu lassen, der sich von unten nähert.

In Wilderwil ist kurz nach 8 Uhr schon viel mehr los als eine Stunde zuvor. Cornelia Glaus holt in den freien Minuten am Wilderswiler Bahnhof Gipfeli. Touristen werden auch jetzt keine mit ins Bergdorf fahren – zu schlecht ist das Wetter heute.

Auf der zweiten Rückfahrt – wieder mit Anhänger – erzählt Cornelia Glaus, dass mit dem Nachmittagskurs ab Saxeten regelmässig Frauen aus dem Dorf zum Einkaufen nach Wilderswil mitfahren. Hauptsächlich aber transportiere sie Schüler und Milch und immer mittwochs den Kehricht der Gemeinde.

Oben angekommen, steuert sie den Anhänger routiniert zurück ins «Milchhüsli». Für die Reinigung seien die Bauern selbst zuständig. «Ich habe jetzt zwei Stunden Pause, bevor ich die Kinder wieder abhole.» Insgesamt fährt Cornelia Glaus täglich fünf Kurse. Die Saxeter können sich auf sie verlassen. «Verschlafen habe ich noch nie», lacht sie.