Post, Bett und Cappuccino

In der Nähe von Bellinzona gibt es einen Ort, an dem man Kaffee trinken, übernachten und Postgeschäfte erledigen kann. Zur Freude der ansässigen Bevölkerung und der Gäste. Reportage aus dem Ostello Cresciano.

Ausgabe 6/2017
Text: Claudia Iraoui; Fotos: Robin Bervini
  • Herberge Ostello di Cresciano

    In der Herberge Ostello di Cresciano kann man nicht nur essen und übernachten, sondern auch gleich die Postgeschäfte erledigen.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Pöstlerin Paola Ricciardi übergibt nichtzustellbare Sendungen der Besitzerin Barbara Wägeli.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Pöstlerin Paola Ricciardi nutzt den Halt in der Filiale, um eine Pause zu machen, bevor sie mit ihrer Tour weiterfährt.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Praktisch: Das Café-Restaurant befindet sich gleich neben der Postagentur.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Barbara Wägeli deckt die Tische fürs Mittagessen.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Fabrizio Grata, Gast und Postkunde.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Die Postagentur befindet sich in Cresciano in der Nähe von Bellinzona.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Die Herberge Cresciano befindet sich in einem anthrazitfarbenen Gebäude und beherbergt im Erdgeschoss ein gemütliches Café-Restaurant und eine gelbe Ecke mit einer Postagentur.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Der Eingang zum Café-Restaurant und der Postagentur ist einladend.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Die Besitzerin Barbara Wägeli auf dem Balkon ihrer Herberge.

  • Herberge Ostello di Cresciano

    Postkunde Jarosch Tognola holt einen eingeschriebenen Brief ab.

Steil erhebt sich im Osten des Dorfs Cresciano eine mit dem sommerlichen Grün der Kastanienbäume überwachsene Gebirgswand. Fans der Sportart Bouldern kommen von überall her, um an den berüchtigten Felswänden des Tessiner Dorfs entlangzuklettern. «Viele dieser Kletterer übernachten hier bei uns», erklärt Cornelia Steiner, Mitbetreiberin des Ostello Cresciano. Das anthrazitfarbene Gebäude beherbergt im Erdgeschoss ein gemütliches Café-Restaurant und eine gelbe Ecke mit einer Postagentur. In den zwei oberen Stockwerken befinden sich etwa zehn Zimmer. «Als wir vor drei Jahren die Herberge übernahmen, erbten wir sozusagen im gleichen Zug den Vertrag für die Filiale der Post», erzählt Barbara Wägeli lachend. Die beiden kümmern sich vor allem um die nicht zugestellte Post, die ihnen zweimal am Tag gebracht wird, und um die Zahlungen. Sie bereuen die Zusammenarbeit mit der Post nicht: Manchmal kommen Dorfbewohner vorbei, um ein Paket abzuholen oder ihre monatlichen Zahlungen zu erledigen, und bleiben für einen Schwatz an der Bar bei einem Kaffee oder einem Aperitif. Oder sie machen es sich gemütlich und geniessen einen Leckerbissen aus Cornelias Küche.

Köstlicher Curryduft

Es ist 10.35 Uhr, und während aus besagter Küche ein köstlicher Curryduft weht, kommt die Pöstlerin Paola Ricciardi mit zwei Einschreiben und einigen Paketen, die sie während der Tour im Dorf nicht zustellen konnte. Nachdem sie die Sendungen an Barbara übergeben hat, bleibt die fröhliche PostMail-Mitarbeiterin für ihren allmorgendlichen Cappuccino: «Ich nutze den Halt in der Filiale, um meine Pause zu machen, bevor ich mit meiner Tour weiterfahre.»

Von Anstehen keine Spur

Der nahe Kirchturm schlägt zwölf, die Tische sind gedeckt, und schon kommen die ersten Kunden ins Restaurant. Einer davon ist Fabrizio Grata, Gemeindemitarbeiter. «Die Postagentur in Cresciano ist inzwischen keine Neuheit mehr. Die Poststelle wurde vor einigen Jahren geschlossen. Ich finde die Agentur ehrlich gesagt sehr praktisch für die ganze Brief- und Paketabwicklung – ausserdem muss man nicht einmal anstehen», freut sich Fabrizio, der einen dampfenden Teller Curry vor sich hat. Piergiorgio Genini pflichtet ihm bei. Er erledigt seine Postgeschäfte sieben oder acht Mal pro Monat in der Filiale, seine Zahlungen tätigt er jedoch lieber via E-Banking. «Ein paar Mal im Jahr muss man halt zur Poststelle nach Claro, wenn man eine Dienstleistung braucht, die hier nicht angeboten wird ... Aber was solls!» Während sich das Restaurant langsam, aber sicher füllt, kommt Jarosch Tognola vorbei, um ein Einschreiben abzuholen und einige Briefe für sein Unternehmen für Kühlungsanlagen aufzugeben. «Ich verbinde das Angenehme mit dem Nützlichen und esse hier gleich zu Mittag», erzählt Jarosch, nachdem er seine Postgeschäfte erledigt hat.

Erfolgreiches Modell

Von der anfänglichen Skepsis gegenüber der Agentur, als die Leute im Dorf nur vorbeischauten, um die gelbe Ecke unter die Lupe zu nehmen, ist nichts mehr übrig. Heute profitieren auch Postkunden von den langen Arbeitstagen von Cornelia und Barbara: «Wir sind von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends hier. Die Leute wissen: Solange bei uns Licht brennt, können sie vorbeikommen.» Nach dem Stress der morgendlichen Reinigung und des Mittagessens geht es für die zwei Deutschschweizer Chefinnen des Ostello Cresciano am frühen Nachmittag etwas ruhiger zu und her. «Für uns ist die Kombination aus Herberge, Restaurant und Post ein entscheidender Faktor. Würde eines der drei fehlen, ginge es nicht», fasst Barbara zusammen.

Lesen Sie das Interview mit Thomas Baur, dem Verantwortlichen von Poststellen und Verkauf, über die Zukunft des Postnetzes.

www.ostello-cresciano.com