Hightech unter Tag

Am 1. Juni 2016 wird der neue Gotthard-Basistunnel eröffnet. Dadurch rücken die Deutschschweiz und das Tessin näher zusammen. Davon profitiert auch die Post. Ein Rundgang durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt.

19.04.2016
Text: Lea Freiburghaus; Fotos: Annette Boutellier
  • Sechs Jahre nach dem ersten Hauptdurchschlag startet der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt zum Fahrplanwechsel im Dezember den kommerziellen Betrieb.

    Sechs Jahre nach dem ersten Hauptdurchschlag startet der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt zum Fahrplanwechsel im Dezember den kommerziellen Betrieb.

  • Tunnelportal Nord: 28 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial entstand am Gotthard. Ein grosser Teil davon wurde für die Betonherstellung eingesetzt. Der Rest dient der Gestaltung des Geländes oder der Schüttung von Dämmen.

    Tunnelportal Nord: 28 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial entstand am Gotthard. Ein grosser Teil davon wurde für die Betonherstellung eingesetzt. Der Rest dient der Gestaltung des Geländes oder der Schüttung von Dämmen.

  • Bis Anfang März führte die AlpTransit Gotthard AG rund 1570 Testfahrten durch mit insgesamt 67 000 gefahrenen Kilometern. Ab Juni 2016 startet die SBB als Betreiberin mit dem Probebetrieb.

    Bis Anfang März führte die AlpTransit Gotthard AG rund 1570 Testfahrten durch mit insgesamt 67 000 gefahrenen Kilometern. Ab Juni 2016 startet die SBB als Betreiberin mit dem Probebetrieb.

  • Die AlpTransit Gotthard AG hat Lokführer Heinz Zech für den Testbetrieb bei der SBB gemietet: «Man muss technisch sehr versiert sein für die Testfahrten.»

    Die AlpTransit Gotthard AG hat Lokführer Heinz Zech für den Testbetrieb bei der SBB gemietet: «Man muss technisch sehr versiert sein für die Testfahrten.»

  • Über einen Verbindungsstollen gelangen die Passagiere in einen Parallelstollen, der unter Überdruck steht und rauchfrei bleibt.

    Nothaltestelle Sedrun: Über einen Verbindungsstollen gelangen die Passagiere in einen Parallelstollen, der unter Überdruck steht und rauchfrei bleibt.

  • «Sie befinden sich in einem sicheren Bereich. Helfen Sie anderen Passagieren und befolgen Sie die Anweisungen des Zugpersonals», ertönt die Lautsprecherdurchsage, sobald man den Parallelstollen erreicht hat. Nur dank der speziellen Auskleidung des Stollens, die den Schall schluckt, ist die Durchsage überhaupt verständlich.

    «Sie befinden sich in einem sicheren Bereich. Helfen Sie anderen Passagieren und befolgen Sie die Anweisungen des Zugpersonals», ertönt die Lautsprecherdurchsage, sobald man den Parallelstollen erreicht hat. Nur dank der speziellen Auskleidung des Stollens, die den Schall schluckt, ist die Durchsage überhaupt verständlich.

  • Rollstühle, Verbandsmaterial und Getränke für den Ereignisfall. Spätestens 45 Minuten nach Alarmauslösung müssen die ersten Rettungskräfte im Tunnel vor Ort sein.

    Rollstühle, Verbandsmaterial und Getränke für den Ereignisfall. Spätestens 45 Minuten nach Alarmauslösung müssen die ersten Rettungskräfte im Tunnel vor Ort sein.

  • In der Multifunktionsstelle fühlt man sich nicht wie in einem Tunnel, sondern eher wie in einem Industriebau. Nebst Anlagen für die Belüftung, die Wasserversorgung und die Entwässerung finden sich auch Klimaanlagen für Gebäude, Krananlagen, Türen, Doppelböden, Metallkonstruktionen sowie Elektro- und Branschutzinstallationen. Sogar ein Kleinwasserkraftwerk, das Strom für 150 Haushalte liefert, findet man in der Multifunktionsstelle Sedrun.

    In der Multifunktionsstelle fühlt man sich nicht wie in einem Tunnel, sondern eher wie in einem Industriebau. Nebst Anlagen für die Belüftung, die Wasserversorgung und die Entwässerung finden sich auch Klimaanlagen für Gebäude, Krananlagen, Türen, Doppelböden, Metallkonstruktionen sowie Elektro- und Brandschutzinstallationen. Sogar ein Kleinwasserkraftwerk, das Strom für 150 Haushalte liefert, findet man in der Multifunktionsstelle Sedrun.

  • Schacht I in Sedrun ist 800 Meter tief. Von da aus erfolgten die Sprengvortriebe in beiden Tunnelröhren Richtung Norden und Süden. Im Betrieb dient der Schacht nicht nur als Frischluftkanal. Darin verlaufen auch diverse Kabel für die Bahntechnick und eine Wasserzuleitung für die Multifunktionsstelle.

    Schacht I in Sedrun ist 800 Meter tief. Von da aus erfolgten die Sprengvortriebe in beiden Tunnelröhren Richtung Norden und Süden. Im Betrieb dient der Schacht nicht nur als Frischluftkanal. Darin verlaufen auch diverse Kabel für die Bahntechnik und eine Wasserzuleitung für die Multifunktionsstelle.

  • Sie darf nicht fehlen: die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergbauleute.

    Sie darf nicht fehlen: die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergbauleute.

  • Rund 9500 Leuchten dienen als Notfallbeleuchtung für die Zugpassagiere auf den Fluchtwegen oder werden bei Unterhaltsarbeiten benutzt.

    Rund 9500 Leuchten dienen als Notfallbeleuchtung für die Zugpassagiere auf den Fluchtwegen oder werden bei Unterhaltsarbeiten benutzt.

  • Die Gänge sind so geräumig, dass LKWs für Unterhaltsarbeiten problemslos durchfahren können.

    Die Gänge sind so geräumig, dass LKWs für Unterhaltsarbeiten problemslos durchfahren können.

  • «Hier hätte die Porta Alpina entstehen sollen», erklärt Matthias Wisniewski der AlpTransit Gotthard AG. «Für den Bau des Basistunnels wäre sie eine Bremse gewesen.»

    «Hier hätte die Porta Alpina entstehen sollen», erklärt Matthias Wisniewski der AlpTransit Gotthard AG. «Für den Bau des Basistunnels wäre sie eine Bremse gewesen.»

  • Blick durch die ferngesteuerte Fluchttüre, die auch unter extremsten Bedingungen funktionieren muss. Mit dem Öffnen und dem Schliessen wird aber auch die Frischluftzufuhr geregelt.

    Blick durch die ferngesteuerte Fluchttüre, die auch unter extremsten Bedingungen funktionieren muss. Mit dem Öffnen und dem Schliessen wird aber auch die Frischluftzufuhr geregelt.

  • Richtungsgetrennte Einspurröhre West: Über je zwei Spurwechsel können Züge von der einen in die andere Röhre wechseln. Die beiden Röhren sind über 176 Querschläge miteinander verbunden.

    Richtungsgetrennte Einspurröhre West: Über je zwei Spurwechsel können Züge von der einen in die andere Röhre wechseln. Die beiden Röhren sind über 176 Querschläge miteinander verbunden.

  • Nothaltestelle Sedrun: Auf einer Länge von 450 Metern sind die Gehsteige 2 Meter breit und beleuchtet.

    Nothaltestelle Sedrun: Auf einer Länge von 450 Metern sind die Gehsteige 2 Meter breit und beleuchtet.

  • AlpTransit-Gotthard-Mitarbeiter Charly Simmen ist seit 1. Juni 1996 mit dabei. Für ihn ist die Baustelle am Gotthard ein Lebenswerk.

    AlpTransit-Gotthard-Mitarbeiter Charly Simmen ist seit 1. Juni 1996 mit dabei. Für ihn ist die Baustelle am Gotthard ein Lebenswerk.

Die Notfallnummer ist hinterlegt, der Helm auf, der Rucksack mit Sauerstoffselbstretter geschultert: Auf gehts zur Grossbaustelle Gotthard-Basistunnel. Von der Baustelle ist allerdings kaum mehr was zu sehen. Das ist auch gut so, denn bis zur offiziellen Eröffnung dauert es nicht einmal mehr zwei Monate.

Bauwerk der Superlative

Die Zugfahrt bis zur Nothaltestelle Sedrun dauert knapp zehn Minuten. Wir sind mit 220 Stundenkilometern unterwegs, spüren jedoch kaum eine Erschütterung. Das spricht für die Qualität der Fahrbahn, die 125 Arbeiter während mehr als drei Jahren geschaffen haben. Dazu verbauten sie 131 000 Kubikmeter Beton, 290 Kilometer Schienen und 380 000 Schwellenblöcke. Für die Stromversorgung wurden 3200 Kilometer Kabel und für die Datenübertragung weitere 2600 Kilometer verlegt. Noch bevor die Bahntechnik eingebaut werden konnte, fand der Innenausbau (Abbruchsicherung, Abdichtungsfolie und Innengewölbe) statt. Ausserdem wurde der Tunnel mit zahlreichen mechanischen und elektromechanischen Anlagen ausgerüstet. Dazu zählen Belüftungs-, Wasserversorgungs- und Entwässerungsanlagen, aber auch Klimaanlagen für Gebäude, Krananlagen, Türen, Doppelböden, Metallkonstruktionen sowie Elektro- und Brandschutzinstallationen. Zuvor brachen vier Tunnelbohrmaschinen mit einem Bohrkopfdurchmesser von bis zu 9,5 Metern fast 75 Prozent des Basistunnels aus, der restliche Ausbruch erfolgte im konventionellen Sprengvortrieb. Zu den zwei 57 Kilometer langen Einspurröhren kommen 176 Querschläge. Das gesamte Tunnelsystem (inklusive aller Stollen und Schächte) misst über 152 Kilometer. Beim Ausbruch fielen rund 28 Millionen Tonnen Material an. Ein grosser Teil davon wurde für die Betonherstellung eingesetzt. Aus dem Rest sind im Urnersee Naturschutz- und Badeinseln entstanden.

Mischung aus Wehmut und Stolz

In der Nothaltestelle angekommen, steigen wir aus. Ein frischer Wind bläst, der einen kaum glauben lässt, dass im Berginnern Temperaturen von bis zu 37 Grad herrschen. Wie bei einem Notfall begeben wir uns von der Oströhre über den rund 1,5 Kilometer langen Fluchtstollen zur Nothaltestelle in der Weströhre. Wir passieren dabei nicht nur den 800 Meter hohen Schacht, der als Frischluftkanal und Wasserzufuhr dient, sondern auch eine Kaverne, in der ein LKW zur Kanalreinigung bereitsteht, sowie ein Kleinwasserkraftwerk, das Strom für 150 Haushalte liefert. Man fühlt sich hier nicht wie in einem Tunnel, sondern vielmehr wie in einem Industriebau. «Am Anfang war nichts», erinnert sich Matthias Wisniewski, der bis 2003 im Steinkohlebergbau tätig war und dann zur AlpTransit Gotthard AG wechselte, «und heute steht ein voll funktionsfähiger Tunnel.» Charly Simmen, der seit 20 Jahren mit dabei ist, bringt es auf den Punkt: «Wir haben in Sachen Qualität, Kosten und Termin eine Punktlandung geschafft – das erfüllt einen schon mit Stolz. Aber jetzt, da es bald zu Ende ist, spüre ich auch ein bisschen Wehmut.»

Ein Tunnel, viele Gewinner

Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels wird die Vision einer Flachbahn durch die Alpen zur Realität. Die 325 Züge, die ab Dezember täglich durch den Tunnel brausen, werden schneller unterwegs und schneller am Ziel sein. Durch den Wegfall von Höhenunterschieden können mehr Güterzüge passieren: bis zu fünf pro Stunde und Richtung. Zudem benötigen sie weniger Energie. Das heisst, die transportierte Gütertonne wird billiger. Auch die Post profitiert. Fredi Gyger, Leiter Transporte und Zeitungen bei PostMail: «Mit der Eröffnung des Basistunnels gewinnen wir am Gotthard 20 bis 50 Minuten Zeit. Momentan analysieren wir, wie wir diesen Zeitgewinn ab Fahrplanwechsel im Dezember im Prozess optimal nutzen können.» Peter Hirschi, Nationale Transporte und Beschaffung PostLogistics, ergänzt: «Da wir spätere Abfahrtszeiten haben, werden wir Transporte von der Strasse auf die Schiene verlagern können. Wir nehmen dies auch gleich zum Anlass, um die Sortierprozesse im Tessin weiter zu optimieren.» Täglich fahren zwei Paketzüge von Härkingen ins Tessin und zwei in umgekehrter Richtung, zudem ist ein Briefpostzug im Einsatz.

Eineinhalb Stunden nach der Einfahrt spuckt uns der Tunnel wieder aus. Und wie verlief die Fahrt? «Absolut störungsfrei», meint Heinz Zech, Lokführer bei der SBB und derzeit für Testfahrten im Einsatz. «Man muss technisch sehr versiert sein und sich selbst zu helfen wissen», beschreibt er die Qualitäten, die ein Lokführer für solche Testfahrten mitbringen muss. Vorerst bleibt der Gotthard-Basistunnel ihm und seinen Kollegen vorbehalten. Aber nicht mehr lange!

www.alptransit.ch

Volksfest zur Eröffnung

Auf beiden Seiten des Tunnels findet am 4. und 5. Juni 2016 ein grosses Eröffnungsfest statt. Erste Tunnelfahrten, Führungen, eine interaktive Erlebnisausstellung, Kunst, Musik und eine Festwirtschaft mit Spezialitäten aus den Kantonen Tessin und Uri sorgen für einen unvergesslichen Anlass. Auch die Post feiert mit: Sichern Sie sich ein Exemplar der Sonderbriefmarke mit Gesteinspulver aus dem Gotthard oder fahren Sie mit im autonomen Postauto!
www.gottardo2016.ch

Wettbewerb

Wir verlosen 20 x 2 Tickets im Wert von je 150 Franken für die Tunneldurchfahrt an der Eröffnungsfeier vom 4. Juni 2016, inklusive kostenloser An- und Rückreise mit dem öffentlichen Verkehr (2. Klasse) innerhalb der ganzen Schweiz. Schreiben Sie ein E-Mail an redaktion@post.ch mit dem Vermerk «Gotthard». Bitte Postadresse und Personalnummer bzw. Versicherungsnummer (Pensionierte) angeben. Teilnahmeschluss ist der 30. April 2016.

Der Basistunnel zum Anfassen

Besuchen Sie die neue Sonderausstellung «NEAT – Tor zum Süden» im Verkehrshaus Luzern. Highlight ist ein 15 Meter langer begehbarer Tunnelabschnitt in Originalgrösse samt Bahntechnik. Inklusive Tunnelblick!
www.verkehrshaus.ch

Ab durch den Berg

Die Ausstellung im Forum Schweizer Geschichte Schwyz zeigt, wie der Gotthard zur bevorzugten Nord-Süd-Achse Europas wurde. In der «Gotthardgrotte» können Besucher erleben, wie es ist, in einem Tunnel zu arbeiten. Mit etwas Glück finden sie dabei sogar einen Kristall!
www.nationalmuseum.ch/d/microsites/2016/Schwyz/Gotthard.php