Auf Tour entlang des Doubs

Vincent Steullet ist Briefbote. Und zwar nicht irgendeiner: Er bedient die längste Tour der Romandie und damit eine der drei längsten der Schweiz. Er legt jeden Tag 107 Autokilometer zurück – ausser am Sonntag.

18.05.2016
Text: Annick Chevillot; Fotos: François Wavre
  • Vincent Steullet auf der längsten Tour der Romandie.

    Vincent Steullet auf der längsten Tour der Romandie.

  • Die Arbeit beginnt um 6 Uhr mit der Einfächerung in die Postfächer.

    Die Arbeit beginnt um 6 Uhr mit der Einfächerung in die Postfächer.

  • Die verschiedenen Touren werden bis 7.45 Uhr bereitgestellt.

    Die verschiedenen Touren werden bis 7.45 Uhr bereitgestellt.

  • Um 8 Uhr beginnt der Zusteller seine Tour, egal was für Wetter draussen herrscht.

    Um 8 Uhr beginnt der Zusteller seine Tour, egal was für Wetter draussen herrscht.

  • Die Tour geht von Bauernhof zu Bauernhof.

    Die Tour geht von Bauernhof zu Bauernhof.

  • Endlich wird es draussen hell.

    Endlich wird es draussen hell.

  • Gegen 9 Uhr gönnt sich Vincent Steullet eine verdiente Kaffeepause.

    Gegen 9 Uhr gönnt sich Vincent Steullet eine verdiente Kaffeepause.

  • Die Grenze und der Doubs bestimmen den Verlauf der Route und zwingen zu zahlreichen Umwegen.

    Die Grenze und der Doubs bestimmen den Verlauf der Route und zwingen zu zahlreichen Umwegen.

  • Im Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben. Das ist die bevorzugte Jahreszeit von Vincent Steullet.

  • Hausbriefkästen: Er weiss auswendig, wo sie stehen.

    Hausbriefkästen: Er weiss auswendig, wo sie stehen.

  • Viele abgelegene Bauernhöfe stehen auf der Zustelltour des Pöstlers.

    Viele abgelegene Bauernhöfe stehen auf der Zustelltour des Pöstlers.

  • Auf einem Bauernhof sind Hunde nie weit weg.

    Auf einem Bauernhof sind Hunde nie weit weg.

  • Vincent Steullet wird 2018 pensioniert.

    Vincent Steullet wird 2018 pensioniert.

«Es kann schon mal vorkommen, dass ein Briefbote gebissen wird!» In seinen 43 Berufsjahren haben Vincent Steullet acht Hunde gebissen oder nach ihm geschnappt. Er ist ihnen nicht böse. Angst hat er auch keine, schliesslich begegnet er Hunden jeden Tag. Auf seiner Tour von Hof zu Hof gibt es freundliche und ruhige – die werden hinter den Ohren gekrault. Zu den anderen hält er Distanz. Zudem sind die Bauern nie weit und schreiten falls nötig ein. Der Jurassier Vincent Steullet ist 59 und kennt seine Region in- und auswendig, inklusive ihrer Geheimnisse und Geschichte. «Die erste Post von Soubey hat mein Ururgrossvater am 31. März 1868 eröffnet. Bis zu ihrer Schliessung 2005 ist sie stets in Familienhand geblieben.» Soubey ist seither der Poststelle Saint-Ursanne angeschlossen. Steullet, der auch Präsident der 140-Seelen-Gemeinde ist, fährt nun zweimal täglich nach Saint-Ursanne.

Schon morgens um 6 Uhr ist er dort in der Poststelle anzutreffen. Zuerst kümmert er sich um die Postfächer: «Sie müssen spätestens um 7.30 Uhr bereit sein, wenn die Post öffnet.» Danach bereitet er zusammen mit seinem Kollegen und Teamchef Claude Friche die gemischten Touren (Briefe und Pakete) für seine Kollegen vor, und zuletzt noch seine eigene – die längste. «Sie ist auch die schönste!»

Von Schwalben und Rehen

Das ist wirklich nicht zu viel gesagt. Die Gegend ist wunderschön! Wenn er Saint-Ursanne gegen 7.50 Uhr verlässt, überquert Vincent Steullet sogleich den Doubs und macht sich auf den Weg zu den abgelegenen Höfen von Epauvillers und Epiquerez. Die Juralandschaft ist hügelig, und die Vegetation erwacht langsam aus dem Winterschlaf. Die Rufe der Schwalben künden ebenfalls den Frühling an. Bussarde, Milane, Bachstelzen, Meisen, Elstern, Finken und Rotkehlchen antworten ihnen in einem fröhlichen Konzert. Die Fahrt führt auf kurvigen Strassen durch Feld und Wald. In Clos du Doubs, das aus einigen fusionierten Weilern besteht, hält Vincent Steullet abrupt an und zeigt auf die Weide zu seiner Linken: «Haben Sie das Reh gesehen?» Das Tier entfernt sich gelassen und verschwindet im Wald. Manchmal macht der Briefbote auch einen Schlenker, «um keine Schnecke zu überfahren».

An der Grenze ist Schluss

Denselben Respekt, den er Tieren gegenüber zeigt, bringt er den Menschen entgegen. «Salut!», ruft er unzählige Male. Alle kennen ihn, und sein gelbes Auto wird oft erwartet. Er betritt die Bauernhöfe, übergibt Pakete und Briefe und lässt sich Zeit, um genau zu verstehen, was eine Kundin, die den Hausservice nutzt, braucht.

Danach geht es weiter, steil bergauf bis zum alten Zoll in Le Chaufour. Hier fährt das Auto nicht weiter. «Drehen Sie sich mal um. Schön, nicht? Von hier aus sieht man den Chasseral.» Zeit für eine Pause, bevor es wieder runter an den Doubs geht. Die Grenze und die Schlaufen des französisch-schweizerischen Grenzflusses bestimmen den Verlauf der Tour und zwingen zu zahlreichen Umwegen.

Sind ihm die Fahrten nach all den Jahren nicht verleidet? «Nein, denn ich liebe meine Arbeit, mein Dorf und meine Region. Aber mit zunehmendem Alter denke ich auch an die Pensionierung. Ich werde am 31. März 2018 in Rente gehen, 150 Jahre nachdem mein Ururgrossvater die Post in Soubey eröffnet hat. Weder Vincent Steullets Sohn noch seine Tochter wollten Briefbote bzw. Briefbotin werden. Damit erlischt die Familientradition.

Nach einem ruhigen Mittagessen zu Hause macht sich Steullet erneut auf den Weg nach Saint-Ursanne. «Ich muss mich noch um die B-Post kümmern.» Das gelbe Auto fährt dem Doubs entlang und verschwindet dann hinter einem Hügel.