Flink, freundlich und stets zu Fuss

Seit 18 Jahren verteilt Gülistan Temizkan Post im Berner Stadtzentrum und geht täglich bis zu 20 Kilometer.

30.05.2018
Text: Sandra Gurtner; Fotos: Monika Flückiger
  • Im Bahnhof Bern startet Gülistan Temizkan ihre Tour.

  • Nachdem die Post sortiert ist, gehts per Zug und mit Handwagen von Bümpliz ins Stadtzentrum.

  • Schritt für Schritt legt sie die Distanz eines Halbmarathons zurück.

  • In der Brésil Bar gibts nebst dem Morgenkafi stets auch einen netten Schwatz.

  • Die Post ist schnell in den Briefkästen verteilt: die Botin kennt die Namen mittlerweile auswendig.

Ihr Arbeitsalltag fordert von Gülistan Temizkan von der ersten Minute an vollen Körpereinsatz: Frühmorgens sortiert sie in der Zustellstelle Bümpliz Süd ihre Post und packt die Bündel sorgfältig auf ihr Zustellfahrzeug. Mit dem Handwagen fährt sie anschliessend im Zug an den Berner Bahnhof. Im hektischen Treiben der Innenstadt ist eine Zustelltour mit Roller undenkbar. Deshalb ist die Postbotin zu Fuss unterwegs und absolviert dabei ein körperlich herausforderndes Programm. «Ich habe meine Schritte einmal gemessen. Alles in allem habe ich an einem Tag über 20 Kilometer zurückgelegt», ergänzt die fitte Pöstlerin.

Verständlich, dass sie in ihrer Freizeit lieber Schach spielt und Bücher liest, statt zu wandern oder ins Fitnessstudio zu gehen. Eine Fusszustellerin zu sein, stört sie nicht − im Gegenteil. Lachend gibt sie zu: «Ich habe Angst vor dem Rollerfahren und bin deshalb sehr glücklich, mit dem Handwagen unterwegs zu sein. Auch im Winter beneiden mich viele um meine Tour, da es auf den Rollern sehr kalt werden kann.»

Alle kennen «Güli»

Ob Tattoostudio, Juwelier oder Anwaltsbüro: Gülistan Temizkan ist die Postbotin, der das Berner Innenstadtgewerbe in Sachen Post voll und ganz vertraut. Das hat damit zu tun, dass sie sich bereits seit 18 Jahren um «ihre» Post kümmert. Trotz Zeitdruck stellt sie diese stets freundlich und mit viel Berufsstolz zu. Erstaunlich viele Kunden kennen die sympathische Postbotin beim Namen. «Mir werden oft Getränke angeboten, und an Weihnachten gibts auch schon mal Trinkgeld oder Schokolade», schwärmt die gebürtige Kurdin. An einem Ort fühlt sie sich aber besonders willkommen: «Die Brésil Bar offeriert mir jeden Tag eine Tasse Kaffee», erzählt sie. «So kann ich meine Beine kurz ausruhen und mit den Besitzerinnen plaudern.» Diese freuen sich immer auf den Besuch ihrer «Güli», wie diese hier liebevoll von allen genannt wird.

Laute Damen und dreiste Diebe

Mit den Geschichten auf ihrer Zustelltour könnte Gülistan Temizkan problemlos ein Buch füllen. Nicht alle sind positiv, aber definitiv unterhaltsam. Sie handeln beispielsweise von älteren Damen, die ihr gegenüber unhöflich laut geworden sind. Oder da ist sogar ein dreister Postraub: «Plötzlich hat im Handwagen ein Bündel Post gefehlt. Ich habe es gesucht und zuerst gedacht, dass ich es unterwegs irgendwo verloren hätte. Doch dann wurde mir klar, dass es jemand gestohlen haben musste», erinnert sich die zweifache Mutter. Sie schaute suchend umher, versuchte den Langfinger auszumachen, entdeckte ihn aber nirgends.

Schliesslich kam ihr die Schwerkraft zu Hilfe: «Unter der Laube knallte es plötzlich. Ein Mann fiel mit seinem Fahrrad um und aus seinem Körbchen glitten Briefe mit verschiedensten Adressen auf den Boden», erinnert sie sich. «Das fiel den Passanten auf, die ihm halfen, wieder auf die Füsse zu kommen und alles einzusammeln. Sie merkten schnell, dass etwas nicht stimmte.» Zum Glück! «Ich erhielt die gestohlene Post zurück und konnte sie ganz normal verteilen», erzählt sie und fügt an: «Meine Tour bleibt gleich, auf unvorhersehbare Stadtgeschichten muss ich aber immer gefasst sein.»