Diana zeigt Lorena die Berufswelt

Die angehende Lehrerin Lorena Seifritz hatte schon viele Nebenjobs: Kassiererin, Serviceangestellte und Floristin. Aber die Berufslehre ist für sie Neuland. Deshalb begleitet sie die Postlernende Diana Gashi in der grössten Postfiliale der Schweiz.

Ausgabe 2/2018
Text: Sandra Gonseth; Fotos: Yoshiko Kusano
  • Diana und Lorena

    Die Postlernende Diana Gashi nimmt die Studentin Lorena Seifritz an ihrem ersten Arbeitstag bei der Post in Empfang. Lorena ist etwas nervös.

  • Diana und Lorena

    Als Erstes steht das Inventar der Swisslose auf dem Programm: Es fehlen zwei Lose.

  • Diana und Lorena

    Dann geht es an den Schalter. Diana Gashi in Postuniform, Lorena Seifritz in Jeans und Sweatshirt.

  • Diana und Lorena

    Die Lernenden müssen schon viel Verantwortung übernehmen, sagt die Studentin Lorena.

  • Diana und Lorena

    Interessiert verfolgt Lorena, wie die Postlernende Diana einer Kundin eine Auskunft gibt.

  • Diana und Lorena

    Aus gesetzlichen Gründen darf Lorena keine Schaltergeschäfte tätigen. Sie übt aber schon mal mit dem Stempel.

  • Diana und Lorena

    Die angehende Lehrerin und die angehende Detailhandelsangestellte verstehen sich gut.

  • Diana und Lorena

    Im Pausenraum wird nicht nur über die Schulfächer diskutiert, sondern auch darüber, ob die gelben Postblusen zum Teint passen.

  • Maya Weber Hadorn

    Maya Weber Hadorn, Leiterin HR-Marketing und Berufsbildungsmarketing, verantwortet das Projekt «Shadowing» (siehe Kasten unten):« Eben wurde die dritte Staffel mit sehr grossem Erfolg abgeschlossen.»

Es ist noch relativ ruhig im Berner PostParc. Das sieht man an den kurzen Wartezeitfrequenzen, die eine Tafel hinter den Schaltern anzeigt. Doch schon bald beginnt der grosse Ansturm. Der Dienst von Diana Gashi hat gerade begonnen. Sie ist Detailhandelslernende im dritten Lehrjahr. Diese Woche hat sie einen «Shadow»: Der Schatten heisst Lorena Seifritz, ist angehende Lehrerin und begleitet sie auf Schritt und Tritt (siehe Kasten).

Hinter dem Postschalter

«Heute machen wir das Inventar der Swisslose», erklärt Diana. Akribisch zählt sie die verschiedenen Lose und Lorena, bewaffnet mit Block und Stift, schaut zu. Aha, merken beide bald: Es fehlen zwei Lose. «Jetzt müssen wir an jedem Schalter überprüfen, ob diese heute Morgen verkauft wurden.» Lorena macht grosse Augen. Was für ein Aufwand! Denn der PostParc – mit täglich 4000 Kunden gegen Monatsende – ist nicht nur gut besucht, sondern hält mit 18 Schaltern auch den schweizweiten Rekord.

Erfahrungen sammeln

Es ist Tag 4 bei der Post für die 23-jährige Studentin aus dem Saanenland. Lorena Seifritz hat bereits einen guten Überblick erhalten: «Ich staune, wie viel Verantwortung die Lernenden übernehmen müssen.» Auch sei der Spagat zwischen Betrieb und Berufsschule nicht immer einfach. Sie ist angehende Oberstufenlehrerin, Studentin an der PHBern, und wird dereinst ihre Schüler bei der Berufswahl begleiten. Was erwartet sie von diesem Einsatz? «Ich möchte in erster Linie Erfahrungen für den Berufswahlunterricht sammeln.»

Erinnerungen werden wach

Doch jetzt geht es wieder an den Schalter. Diana in Postuniform, das obligate Foulard stylisch um den Hals gebunden. Lorena in Jeans und Sweatshirt. «Schade, dass Lorena aus gesetzlichen Gründen nicht hinter den Schalter darf», meint Diana. Doch Lorena lässt es sich nicht nehmen, ein paar Einzahlungsscheine zu stempeln. Das habe sie das letzte Mal als Kind beim Spielen mit der Kinderpost gemacht, sagt sie und lacht.

Derweilen schmeisst Diana den Schalter. Flink und routiniert wägt sie Pakete, nimmt Einzahlungen entgegen. Sie hat eine nette und kommunikative Art. Das zweite Lehrjahr hat sie in der Berner Altstadt verbracht. Die kleine Filiale an der Kramgasse und der grosse und moderne PostParc seien zwei verschiedene Welten, sagt die sportliche Lernende. Sie spielt in ihrer raren Freizeit beim Volleyclub Uettligen U23 und in der 4. Liga. «Die Kramgasse ist wie ein grosses Dorf, hier im PostParc sieht man die Kunden meistens kein zweites Mal.»

Manchmal etwas anstrengend

Es sei schon etwas anstrengend, ihrer Begleitung jeden Schritt genau zu erklären, sagt Diana. Deshalb gibt es bald eine fünfzehnminütige Pause. «Bezahlt» steht auf dem Dienstplan. Da staunt Lorena. Ist das nicht selbstverständlich? Nein, erklärt Diana, bezahlte Pausen gibt es erst nach dreieinhalb Stunden Arbeitszeit. Im Pausenraum wird darüber diskutiert, ob die gelben Postblusen zum Teint passen, und dass Diana mit den zwei Samstagsdiensten pro Monat gar nicht so schlecht davonkomme. Dann steht Diana auf. Schon wieder hat der Getränkeautomat ein Geldstück verschluckt. Macht nichts. Komm Lorena, jetzt zeige ich dir noch den Postshop, sagt sie.

Auch die Post profitiert

«Ich hoffe natürlich, dass Lorena ihren künftigen Schülern ein positives Postimage vermitteln wird», erklärt PostParc-Leiter Daniele Evangelisti. Denn die Post sei sehr daran interessiert, Lernende mit dem geeigneten Profil auszubilden. So wie Diana. Diese schliesst im Sommer ihre Lehre bei der Post ab. Danach möchte sie die Berufsmatur machen und in einer Filiale im Welschland ihr Französisch perfektionieren. Auch Lorena ist dieses Jahr mit der Ausbildung fertig. Sie wird schon bald vor einer Schulklasse stehen. Und beide sind nach dieser Woche um eine Erfahrung reicher.

«Shadowing» zeigt den Berufsalltag

Die Post und die Pädagogische Hochschule Bern (PHBern) haben gemeinsam das Modul «Shadowing» lanciert. Während einer Woche begleiten Studierende der PHBern eine Lernende der Post. Die angehenden Lehrpersonen erhalten Einblick in die duale Berufsbildung und den Arbeitsalltag von Lernenden. Ihre Erfahrungen sollen später in den Berufswahlunterricht einfliessen. Die Tandems sind in den Berufsfeldern Logistik (Zustellung) sowie Detailhandel (Filialen) im Einsatz. Soeben wurde die dritte Staffel mit sehr grossem Erfolg abgeschlossen, erklärt Maya Weber Hadorn, Leiterin HR-Marketing und Berufsbildungsmarketing, die das Projekt verantwortet. Nun wird über die Fortsetzung entschieden. (sg)