«Wenn man den Menschen vergisst, ist man zum Scheitern verurteilt!»

Am 4. August konnte Urs Schwaller auf seine ersten 100 Tage im Amt als Verwaltungsratspräsident der Post zurückblicken. Eine gute Gelegenheit für ein Treffen mit dem offenen und direkten Freiburger.

23.08.2016
Text: Annick Chevillot; Fotos: François Wavre
  • Urs Schwaller

    Urs Schwaller: «Wir müssen die Leute ernst nehmen und korrekt informieren.»

  • Urs Schwaller

    Urs Schwaller schreibt seine Notizen am liebsten in gelbe Moleskin-Hefte.

Sein Händedruck ist kurz und fest. Bestimmt hat er während der vergangenen 100 Tage in seiner neuen Funktion als Verwaltungsratspräsident der Post unzählige Hände geschüttelt. «Ja, ich habe viele Leute getroffen», bestätigt der Politiker. «Man hat für mich ein Spezialprogramm vorbereitet. Auf diese Weise konnte ich alle Bereiche des Unternehmens sowie die Mitarbeitenden kennenlernen.» Der deutschsprachige Freiburger fühlt der Post auf den Puls. Er beobachtet und macht sich Notizen. «Am liebsten schreibe ich meine Notizen in Moleskin-Hefte. Soeben habe ich mir ein gelbes gekauft», erklärt er schmunzelnd.

Aber er hört auch gerne zu. Geschichten, Anekdoten und direkte Begegnungen sind Dinge, die er liebt. Alltägliche Begebenheiten, die anderen gar nicht auffallen würden, prägt er sich ein, um sein neues Umfeld besser zu verstehen. «Als ich kürzlich im Zug von Lausanne nach Freiburg reiste, schaute mich ein junger Mann eindringlich an. Ich konnte mich nicht erinnern, ihm je begegnet zu sein. Sein Verhalten verstand ich erst in Freiburg beim Aussteigen, als er auf mich zukam und sagte: ‹Ich arbeite übrigens auch bei der Post.› In seiner Stimme schwang Stolz mit.» Urs Schwaller schätzt solche Worte sowie die zahlreichen Briefe und Mails, die er seit seiner Wahl erhalten hat. Was ihn besonders überrascht, ist die offensichtliche Bindung der Mitarbeitenden an das Unternehmen, die durchgängig festzustellen ist.

In seinen Augen sind es die Menschen, die die Post bereichern. «Einige Mitarbeitende, aber auch gewisse Kundinnen und Kunden haben das Gefühl, dass durch den gegenwärtigen Wandel, den die Post durchmacht, die Technologie die Menschen letztlich ersetzen wird», stellt er fest. «Aber die Technologie dient nicht dazu, die Menschen zu ersetzen – vielmehr soll sie ihnen das Leben erleichtern und die repetitiven und monotonen Tätigkeiten abnehmen. Es liegt an uns, das, was wir tun, und unsere technologischen Entwicklungen besser zur Geltung zu bringen, ohne dabei die Menschen dahinter zu vergessen.» Beispielsweise die Pöstler in seinem Wohnort Tafers. «Sie sind zugänglich, zuverlässig und hilfsbereit. Der zwischenmenschliche Kontakt ist entscheidend und wichtig», unterstreicht er mit Vehemenz. «Wenn man den Menschen vergisst, ist man zum Scheitern verurteilt!»

Urs Schwaller ist direkt und bringt es auf den Punkt. Für ihn steht ausser Frage, dass auch schwierige Entscheidungen klar in der Öffentlichkeit kommuniziert werden müssen. «Gegenwärtig arbeiten wir daran, mit der Konzernleitung die Strategie 2017–2020 festzulegen. Es wird Veränderungen geben! Sind die Entscheidungen einmal gefällt, muss man auch die Verantwortung tragen. Ganz wichtig dabei ist, auf eine klare Kommunikation zu achten, und vor allem müssen die Mitarbeitenden und die Kundschaft verstehen, was wir machen. Wir müssen die Leute ernst nehmen und sie korrekt informieren. Das ist unsere Pflicht.»

Sein Ziel? Die Bevölkerung, die Kundschaft und die Mitarbeitenden in diesen Wandel miteinzubeziehen. Seiner Meinung nach genügt es nicht, die Schliessung einer Poststelle anzukündigen und sie durch eine Postagentur zu ersetzen. «Bei einer solchen Umwandlung muss man die direkt Betroffenen in- und ausserhalb der Post miteinbeziehen. Man muss ihnen die Vorteile unserer Lösungen aufzeigen, und zwar gleich von Anfang an. Werden sie eingebunden, müssen sie später nicht unter den Folgen der Umwandlung leiden.» Man muss der Bevölkerung auf Augenhöhe begegnen und auf diese Weise die Akzeptanz für die neuen Massnahmen erhöhen. «Seit April habe ich den Leistungskatalog der Post kennengelernt. Unglaublich, wie umfassend er ist! Aber ich bin überzeugt, dass die breite Öffentlichkeit viele unserer Leistungen gar nicht kennt. Auch hier gibt es noch viel Arbeit, damit wir sichtbarer werden. Gerade unsere von rund einer halben Million Menschen täglich frequentierten und einladend gestalteten Standorte bieten hierfür eine ideale Plattform.»

Urs Schwaller ist sich der Verantwortung seines Mandats bewusst und nimmt es mit Entschlossenheit und Begeisterung in Angriff. Seinen Terminkalender hat er entsprechend angepasst und andere Verwaltungsratsmandate niedergelegt. Die Work-Life-Balance will er jedoch nicht aufs Spiel setzen. «Ich stehe jeden Morgen früh auf. Am liebsten mache ich um 5.30 Uhr eine Joggingrunde im Wald mit meinem Labrador Mistral und geniesse 45 Minuten Ruhe und Einsamkeit. Ich liebe die Natur mit ihrer Flora und Fauna. Sie macht mich glücklich!» Bücher und Musik haben in seinem Leben ebenfalls einen hohen Stellenwert. Er spielt Trompete, hat früher aber auch Kornett, Horn, Klavier und klassische Gitarre gelernt. Und vor einigen Monaten wurde er Grossvater des kleinen Mattheo.

Persönlich

Geboren am 31. Oktober 1952 in Freiburg. Drei Geschwister. Wohnt in Tafers.

Verheiratet, Vater von drei Kindern und Grossvater des kleinen Mattheo.

Zur Familie gehört auch der 13-jährige Labrador Mistral.

1976 Abschluss des Jurastudiums in Freiburg mit dem Lizenziat.

1981 Doktorat und Anwaltspatent.

1982 wurde er Dienstchef des Polizeidepartements des Kantons Freiburg.

1986 wurde er zum Präfekten des Sensebezirks gewählt.

Vom 8. Dezember 1991 bis 30. Juni 2004 Staatsrat des Kantons Freiburg.

Vom 1. Dezember 2003 bis 29. November 2015 Ständerat.

2004 Eröffnung einer Anwaltskanzlei in Freiburg.

2005 bis 2014 CVP-Fraktionspräsident im Bundeshaus.

2009 Kandidatur für die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin.

2011 bis 2016 Mitglied des Europarats.

26. April 2016 Wahl zum Verwaltungsratspräsidenten der Post.