«Wenn ich morgen sterbe, was bleibt dann von mir?»

Barry Hayes ist ein ganz normaler Mitarbeiter von SPS in Grossbritannien. Doch diesen Juni will er 6000 km über den Indischen Ozean rudern. Und 200 000 britische Pfund sammeln: für die Parkinson-Forschung.

Ausgabe 3/2018
Text: Janina Gassner; Fotos: Peter Frankland
  • Kitschig schöne Stimmung beim Training.

  • Diese Kajüte wird für mindestens 80 Tage sein Zuhause sein.

    Diese Kajüte wird für mindestens 80 Tage sein Zuhause sein.

  • Barry erklärt Passanten in Guernsey sein Projekt.

    Barry erklärt Passanten in Guernsey sein Projekt.

  • Ende März testete die Crew ihr Boot zum ersten Mal.

    Ende März testete die Crew ihr Boot zum ersten Mal.

  • Barry Hayes.

  • Das ist die Crew (von links): Barry Hayes, Billy Taylor, James Plumley und Robin Buttery.

    Das ist die Crew (von links): Barry Hayes, Billy Taylor, James Plumley und Robin Buttery.

  • Das auffallende Boot der Crew.

An einem schicksalhaften Tag vor sieben Jahren beschloss Barry Hayes, sein Leben zu ändern. Er, der mit 16 Jahren den Kilimandscharo erklommen hatte, er, der Marathons lief und zum Militär gehen wollte, seine Träume dann aber aufgrund von Asthma und Epilepsie begraben musste, er fragte sich an diesem Tag: «Welche Geschichten werde ich hinterlasse, wenn ich morgen sterbe? Was ist mein Vermächtnis? Was kann mein Stiefsohn Jack seinen Klassenkameraden dann über mich erzählen? Kurz: Wenn ich morgen sterbe, was bleibt dann von mir?»
Ausschlaggebend für seinen Sinneswandel war eine Prognose, die die Ärzte nicht ihm stellten, sondern seinem Vater. Im Alter von 60 Jahren erkrankte dieser so schwer, dass er ins Koma fiel und die Ärzte Barry rieten, sich auf das Schlimmste einzustellen. Für Barry war sein Vater immer ein Held gewesen. Ein Offizier in der Royal Navy, der die Welt bereiste und der nach der Heimkehr die faszinierendsten Geschichten über den Dschungel von Belize, über die Wüsten des Iraks und über die Pinguine der Antarktis zu erzählen hatte. Über Drogenschmuggler, die er bekämpfte, die Kriege, in die er involviert war. Er war auch einer der wenigen Überlebenden der «Bluff Cove»-Luftangriffe während des Falklandkrieges. Dieser Mann, sein Vater, hatte so viel erlebt, so viele Geschichten hinterlassen, die Barrys Leben beeinflussten. Barry wurde sich darüber bewusst, dass seine eigenen Krankheiten ihn nicht davon abhalten durften, selber Abenteuer zu erleben.

Über den Pazifik in 45 Tagen

Mit der Unterstützung seiner Verlobten Emma machte er sich also auf die Suche nach einem solchen Abenteuer. Dabei stiess er auf den Blog von Philip Cavanagh (26), der eine Crew zusammenstellen wollte, um in einem Ruderboot den Pazifik zu überqueren. Barry und Philip telefonierten – und meisterten 2014 mit zwei weiteren Crewmitgliedern das weltweit erste Ruderrennen über den pazifischen Ozean. Sie beendeten es nach 45 Tagen als Zweitplatzierte. «Ich bin zuvor nie gerudert, auch nicht auf einem Fluss. Ich bin noch nicht mal auf einem Motorboot gefahren», erzählt Barry. Trotzdem hat er wohl ein Seefahrer-Gen, denn das Rudern lässt ihn seither nicht mehr los.

Auf zu neuen Ufern

Gemeinsam mit Billy Taylor (46), der bereits beim Pazifikrennen mit im Boot war, und zwei weiteren Crewmitgliedern plant Barry jetzt das nächste Abenteuer. Ab kommendem Juni werden sie versuchen, den Indischen Ozean in 80 Tagen zu überqueren. Über den Atlantik und den Pazifik gebe es mittlerweile einige etablierte Rennen, sagt Barry. «Über den Indischen Ozean gab es bisher nur 42 Versuche, wovon 21 scheiterten. Aber wir haben ein tolles Team.» Neben Barry und Billy gehören noch James Plumley (28, Weltrekordhalter im Rudern rund um Grossbritannien) und Robin Buttery (46) zur Crew.
Über Robin kam das Team dann auch auf die Idee, die Überfahrt mit einer Wohltätigkeitsaktion zu verknüpfen. Ihm war im Alter von gerade mal 44 Jahren Parkinson (Young Onset Parkinson) diagnostiziert worden. Mit ihrer Überfahrt über den Indischen Ozean will Barrys Crew auf diese Krankheit aufmerksam machen und 200 000 britische Pfund sammeln, die dann in die Parkinson-Forschung investiert werden sollen. «Zudem handelt es sich bei unserer Überfahrt auch um ein medizinisches Experiment», so Barry: Robin und Billy sind genau gleich alt und werden über Wochen das Gleiche essen, betreiben denselben Sport und werden dabei denselben Witterungen ausgesetzt. «Es wird sehr spannend für die Forschung zu beobachten sein, wie die Krankheit Robin im Vergleich zu Billy beeinflusst.»

Das Leben an Bord

Während der Überfahrt werden die vier Männer in Zwei-Stunden-Schichten rudern. «Man rudert zwei Stunden und hat dann zwei Stunden frei. In dieser Zeit müssen wir kochen, essen, unsere sozialen Netzwerke auf den neusten Stand bringen und Verpflichtungen gegenüber unseren Sponsoren erfüllen - und schlafen. Wir schlafen eigentlich nie länger als 45 Minuten am Stück.» Ernähren werden sich die Männer von Trockennahrung, das Meerwasser können sie an Bord zu Trinkwasser aufbereiten. Für den Notfall haben sie ein Satelliten-Telefon und ein aufblasbares Rettungsboot dabei.

Ein Leben ohne Abenteuer kann sich Barry nicht mehr vorstellen. Wenn er den Indischen Ozean überlebe, wolle er noch über den Atlantik rudern. «Aber danach steige ich dann auf trockenere Abenteuer um. Und meine Familie nehme ich mit.»

Rudern extrem

Barry Hayes ist 37 Jahre alt und lebt mit seiner Verlobten Emma und Stiefsohn Jack in North Wales. Seit 2013 arbeitet er bei SPS als Reporting Analyst. Barry und seine Crew werden im Juni unbegleitet den Indischen Ozean im 8,8 Meter langen Ruderboot mit dem hintersinnigen Namen «No Great Shakes» («Keine grossen Erschütterungen») überqueren. Ihre Reise führt sie über 3 600 Seemeilen von West-Australien nach Mauritius. Von bisher 42 Versuchen, den Indischen Ozean zu bezwingen, waren nur 21 erfolgreich.
Ihr erklärtes Ziel ist es, 200 000 britische Pfund zu sammeln, die sie der Forschung für jung erkrankte Parkinsonpatienten spenden werden. Alle Informationen zum Projekt finden Sie auf www.rowtheindianocean.com (Website nur auf Englisch verfügbar)