Vom Sagen erzählen

Wenn Hans von Allmen nicht gerade eine Bergtour macht, in der Toskana bikt oder seine Enkelkinder hütet, trifft man ihn als Sagenerzähler vor der wunderschönen Naturkulisse des Diemtigtals.

18.05.2016
Text: Sandra Gonseth; Fotos: Annette Boutellier
  • Hans von Allmen

    Hans von Allmen vor dem zweihundertjährigen Simmentaler Bauernhaus Sälbezen im Diemtigtal. Es steht auf der Liste der Kulturgüter von nationaler und regionaler Bedeutung.

  • Hans von Allmen

    Der seit Kurzem pensionierte Poststellenleiter erzählt seine Sagen am liebsten an den Originalschauplätzen wie hier vor dem Sälbezen.

  • Hans von Allmen

    Das alte Bauernhaus ist ein eindrückliches Beispiel an simmentalischer Zimmermannskunst und Hausmalerei an den Fassaden. Es kann im Rahmen der Simmentaler Hauswege besichtigt werden.

  • Hans von Allmen

    Erst vor drei Jahren hat Hans von Allmen mit dem Alphornspielen begonnen. Oft begleitet ihn das Instrument beim Sagenerzählen.

  • Hans von Allmen

    Der Berner Oberländer erzählt die Sage vom Schwarzenberg (siehe Berg im Hintergrund), wo es um Goldstücke geht, die noch heute auf einer Wiese liegen sollen.

  • Sagenzeichnung

    Das Diemtigtal im Berner Oberland ist berühmt für seine Sagen.

  • Hans von Allmen

    Hans von Allmen in der Diemtigtaler Chollerenschlucht, Ort einer Sage und einer seiner Kraftorte.

Schon am Telefon mit Hans von Allmen merkt man, dass sich seine Stimme hervorragend fürs Sagenerzählen eignet. Aber wenn er dann vor den Originalkulissen steht – etwa beim zweihundertjährigen Simmentaler Bauernhaus Sälbezen, unter dem Schwarzenberg oder in der Chollerenschlucht - und seine Geschichten zum Besten gibt, ist es, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Mit Schalk in den Augen gibt er den Mythen aus vergangenen Zeiten Gesichter und Emotionen. Und manchmal bläst er sogar das Alphorn, um die Geschehnisse noch authentischer wirken zu lassen. «Ich merke sofort, ob die Besucher auf eine Erzählung ansprechen oder nicht», erklärt der seit Kurzem pensionierte Poststellenleiter von Oey-Diemtigen, dem Eingangstor des Diemtigtals im Berner Oberland. Dass sich in den Schilderungen Fiktion und Wahrheit vermischen, fasziniert ihn. In den meisten Sagen geht es zwar immer auch um Moral, doch Moralisieren ist nicht sein Ding. Er will den Leuten das Leben von früher näherbringen - am liebsten an den Originalschauplätzen. Die Sagenwanderungen bietet Hans von Allmen im Rahmen seines Trekkingangebots an, das er sich nebenberuflich aufgebaut hat.

Wie im wilden Westen

Nur zufällig hat es den Lauterbrunner ins Diemtigtal verschlagen. Der damalige Lehrlingsinstruktor bei den PTT wollte etwas machen, «bei dem ich mein eigener Herr und Meister bin». Dass Hans von Allmen als frisch gewählter Posthalter von Oey-Diemtigen zuerst einmal seine eigene Post bauen musste, bringt ihn noch heute zum Lachen: «Die alte Post sah aus wie aus dem wilden Westen.» Zudem ist die weitläufige Streusiedlungsstruktur auch heute noch eine Herausforderung für die postalische Zustellung im Tal. Wegen seiner Nebentätigkeit als Trekkingleiter wurde er bald einmal in die «Schönburg» zum Rapport zitiert. «Ich stellte mich schon auf eine Kündigung ein», sagt er. Doch es kam anders: Ihm wurde eine berufsbegleitende Ausbildung zum Postunternehmer in Aussicht gestellt. Dies entsprach ganz seinem Naturell, und fortan verkaufte Hans von Allmen neben Mobiltelefonen auch zusammenlegbare Blumenvasen und Foulardbroschen.

Grosser Fundus an Mythen und Sagen

«Ich habe mir immer überlegt, wie ich die Leute in die Poststelle holen kann.» So zögerte er keine Sekunde, ein grosses Fass mit Erdnüssen in die Schalterhalle zu stellen. Inspirationsquelle war ein Postbüro in einem verschlafenen Nest in Nebraska, das er auf einer Velotour quer durch die USA entdeckte. «Wir hatten zwar eine riesige Sauerei, weil die Kunden die Schalen auf den Boden warfen. Doch der Umsatz war hervorragend.» Es sind solche Momente, die ihn immer wieder antreiben. Und natürlich die Originalität der Diemtigtaler. «Gerade in den Sagen trifft man häufig auf die Schlitzohrigkeit der Einheimischen», weiss der dreifache Grossvater. Der grösste Fundus stammt vom verstorbenen Pfarrer und Buchautor Otto Nyffeler, den Hans von Allmen persönlich kannte. Geprägt hat ihn auch sein Onkel. Dieser erzählte der Jungmannschaft jeweils hoch oben in der SAC-Lobhornhütte so manche Geschichte. «Und ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich eine Sage erzähle, bin ich immer felsenfest davon überzeugt, dass sich alles genauso zugetragen hat.»

Sagenerzählen mit Hans von Allmen www.trekking-diemtigtal.ch

Persönlich

Hans von Allmen (62), gebürtig aus Lauterbrunnen (BE)

Seit Dezember 2015 nach 43 Dienstjahren pensioniert

33 Jahre Poststellenleiter in Oey-Diemtigen

Vorher Briefversand Genf, Bahnpost, Postcheckamt, Lehrlingsinstruktor

Seit 2001 Trekkingleiter für Ski- und Biketouren sowie Wanderungen

Seit vier Jahren Gemeindepräsident der gemischten Gemeinde Diemtigen

Verheiratet mit Silvia, zwei Kinder (Hans und Barbara) und drei Enkelkinder (Amy, Ray und Lea)

Spielt seit drei Jahren Alphorn