Ein Tandem mit Mission

Jean-Pierre Gagnebin ist Mitarbeiter von PostLogistics und fährt leidenschaftlich gern Velo. Seit 20 Jahren ist er mit seinem blinden Tandempartner auf Touren unterwegs. Die beiden entdecken dabei Europa vom Sattel aus.

17.10.2017
Text: Ruth Hafen; Fotos: Rolf Neeser
  • Jean-Pierre Gagnebin

    Jean-Pierre Gagnebin (links) mit seinem sehbehinderten Tandempartner Gérard Eschmann.

  • Jean-Pierre Gagnebin

    Jean-Pierre Gagnebin ist nach einer Tour immer sehr zufrieden, etwas für die körperliche Fitness geleistet zu haben.

  • Jean-Pierre Gagnebin

    Jean-Pierre Gagnebin: «Ein Tandem ist wie eine Ehe. Man muss zusammenarbeiten, sonst funktioniert das nicht.»

«… drei, vier!» Wenn Jean-Pierre Gagnebin und sein Tandempartner Gérard Eschmann losfahren, funktioniert das immer nach dem gleichen Muster. Jean-Pierre zählt an und dann gehts los, immer zuerst mit dem linken Pedal. Die zwei sind seit 1997 ein eingespieltes Team – und ein besonderes dazu. Gérard ist blind, seit er 20 ist. Eigentlich sei alles einem Zufall zu verdanken, erinnert sich Jean-Pierre. Der 56-Jährige ist schon immer leidenschaftlich gern Velo gefahren, auch Rennen. Und dann erzählt ihm ein Kollege bei der Post, dass er zusammen mit sehbehinderten und blinden Menschen Sport treibe. Er kenne da einen, der gerne Tandem fahren würde. Ein Telefonat, man trifft sich, lernt sich kennen – voilà, das Tandemteam ist gegründet.

«So ein Tandem ist wie eine Ehe. Man muss zusammenarbeiten, sonst funktioniert das nicht», sagt Jean-Pierre und lächelt verschmitzt. Klar, jeder habe da zu Beginn so seine Vorstellungen, wie es funktionieren solle – «und dann findet man sich in der Mitte». Sonst gäbe das Spannungen. Oder noch schlimmer: Man lande im Strassengraben. Nach 20 Jahren als Team funktionieren Kommunikation und Koordination sowieso meist ohne Worte. Interessanterweise erspüre Gérard schwierige Situationen oft schon im Voraus, sogar bevor er selbst es bemerke, und nehme dann den Fuss vom Pedal.

Anfangs fahren die beiden ab und zu im Jura – Tandem light. Aber dann sticht sie der Hafer. Ein Ziel muss her: die «Rominger classic». Dafür lohnt es sich, zu trainieren. Und so fahren die beiden im Jahr 2000 von Vevey nach Crans-Montana. Von da an setzen sie sich immer neue Ziele. Jean-Pierre, sonst eher zurückhaltend, kommt beim Erzählen in Fahrt. Zum Beispiel der Jahrhundertsommer 2003, als sie von Courrendlin, wo Gérard wohnt, die rund 240 Kilometer auf den Grossen Sankt Bernhard in zwei Tagen radeln. Diese Hitze! Diese Erschöpfung! Aber auch diese Zufriedenheit, so etwas geleistet zu haben.

Unterwegs für einen guten Zweck

Einige der eindrucksvollsten Strecken befahren Gérard und Jean-Pierre mit vielen anderen Gleichgesinnten. Pro Retina e. V., die deutsche Niederlassung von Retina International, veranstaltet regelmässig europäische Tandemtouren. Dabei will die Selbsthilfevereinigung auf die Probleme hinweisen, die Menschen mit Netzhautdegeneration haben. Menschen, die wie Gérard an Retinitis pigmentosa erkrankt und blind geworden sind. Jean-Pierre erinnert sich besonders gerne an das Jahr 2006, das Jahr der Fussball-WM in Deutschland. Die Tour führt von Berlin nach Zürich, und bei der ersten Etappe nach Leipzig werden sie auf der eigens für sie gesperrten Autobahn von Motorradpolizisten mit Blaulicht eskortiert. Oder 2008, Mainz–Rom, als sie mit Pro Retina Deutschland die 1500 Kilometer bewältigen und die rund 60 Fahrerinnen und Fahrer eine Tandem-Ehrenrunde auf der Ferrari-Teststrecke in Maranello drehen dürfen. Unvergesslich.

Einmal aber muss Jean-Pierre länger aussetzen. Im Jahr 2015 stürzt er beim Training und bricht sich den Oberschenkel. Es folgen eine Operation und sechs Wochen im Rollstuhl, dann sechs Monate Krankschreibung. Sein Glauben hilft ihm über die schwere Zeit hinweg. Und seine gute Grundkondition sowie sein Wille, bald wieder mit Gérard auf dem Tandem zu sitzen. Damit es bald erneut heisst: «… drei, vier!»

Persönlich

Jean-Pierre Gagnebin (56)

Seit 26 Jahren bei der Post

Zuerst bei der Brief-, dann bei der Paketpost

Wohnt mit seiner Familie in Tavannes

Hat drei Kinder: Timothée (24), Laurie (23), Delphine (20)

Für seine Leidenschaft, das Tandemfahren, gibt er einen Teil seiner Ferien her