Der Macher

Der ehemalige Postmitarbeiter Charles Moerlen (75) half vor 20 Jahren beim Wiederaufbau der postalischen Infrastruktur im kriegsversehrten Bosnien.

25.10.2016
Text: Lea Freiburghaus; Fotos: Annette Boutellier
  • Weltenbummler, Vollblutarchitekt und Macher: Charles Moerlen.

    Weltenbummler, Vollblutarchitekt und Macher: Charles Moerlen.

  • Charles Moerlen zeigt Bilder des Wiederaufbaus der bosnischen Post.

    Charles Moerlen zeigt Bilder des Wiederaufbaus der bosnischen Post.

  • Spuren von Granateinschlägen werden mit rotem Kunststoff ausgegossen.

    Spuren von Granateinschlägen werden mit rotem Kunststoff ausgegossen.

  • Grösste Gefahr unmittelbar nach dem Krieg sind die Minen. Nur fester Boden ist sicher.

    Grösste Gefahr unmittelbar nach dem Krieg sind die Minen. Nur fester Boden ist sicher.

  • Die Hauptpost von Sarajevo ist komplett ausgebrannt.

    Die Hauptpost von Sarajevo ist komplett ausgebrannt.

  • Auch das moderne Sarajevo ist stark beschädigt.

    Auch das moderne Sarajevo ist stark beschädigt.

  • Die alte Post von Rajlovac ist total zerstört aus ausgebrannt, der Boden rundherum vermint.

    Die alte Post von Rajlovac ist total zerstört und ausgebrannt, der Boden rundherum vermint.

  • Neuer Standort für die Post Rajlovac.

    Neuer Standort für die Post Rajlovac.

  • Vor Baubeginn muss noch entmint werden: eine schwierige und vor allem gefährliche Arbeit.

    Vor Baubeginn muss noch entmint werden: eine schwierige und vor allem gefährliche Arbeit.

  • Ruinen, die als Wohnung dienen.

    Ruinen, die als Wohnung dienen.

  • Ruinen, die als Wohnung dienen.

    Ruinen, die als Wohnung dienen.

  • Materialtransport mit sechs Lastwagen via Italien, Slowenien, Kroatien nach Bosnien.

    Materialtransport mit sechs Lastwagen via Italien, Slowenien, Kroatien nach Bosnien.

  • IFOR-Truppen sichern die Haupststrasse.

    IFOR-Truppen sichern die Haupststrasse.

  • Das Material wird abgeladen. Die Montagetruppe wohnt auf der Baustelle im Wohnmobil.

    Das Material wird abgeladen. Die Montagetruppe wohnt auf der Baustelle im Wohnmobil.

  • Tag 1: Fundation und Balkenlage verlegt.

    Tag 1: Fundation und Balkenlage verlegt.

  • Montagetruppe aus der Schweiz wird durch bosnische Bauarbeiter unterstützt.

    Die vierköpfige Montagetruppe aus der Schweiz wird durch bosnische Bauarbeiter unterstützt.

  • Zwei Stunden vor der Eröffnung (und nach zehn Tagen harter Arbeit).

    Zwei Stunden vor der Eröffnung (und nach zehn Tagen harter Arbeit).

  • Bosnische Postprominenz und Schweizer Botschaft eröffnen das Postprojekt in Rajlovac.

    Bosnische Postprominenz und Schweizer Botschaft eröffnen das Postprojekt in Rajlovac.

  • Botschafter Brülhart telefoniert zum ersten Mal vom neuen Poststandort aus in die Schweiz. Im Vordergrund Charles Moerlen.

    Botschafter Brülhart telefoniert zum ersten Mal vom neuen Poststandort aus in die Schweiz. Im Vordergrund Charles Moerlen.

  • Zerstörung auch in Mostar und Umgebung.

    Zerstörung auch in Mostar und Umgebung.

  • Eher ein Schuttablageplatz als ein Poststandort: Hier kommt die neue Poststelle in Vrapčićí zu stehen.

    Eher ein Schuttablageplatz als ein Poststandort: Hier kommt die neue Poststelle in Vrapčićí zu stehen.

  • Poststelle in Vrapčićí im Aufbau.

    Poststelle in Vrapčićí im Aufbau.

  • Am 6. Dezember wurde auch dieses Postgebäude den PTT-Behörden von Mostar betriebsbereit übergeben. Die offizielle Einweihung fand im März 1997 statt.

    Am 6. Dezember wird auch dieses Postgebäude den PTT-Behörden von Mostar betriebsbereit übergeben. Die offizielle Einweihung findet im März 1997 statt.

Wir schreiben das Jahr 1996. Es sind erst wenige Monate vergangen, seit der Bosnienkrieg mit dem Vertrag von Dayton offiziell ein Ende fand. Im vom Krieg versehrten Bosnien fehlt es an allem. Ende Oktober 1996 macht sich Charles Moerlen, Architekt bei Immobilien Post (IMP), auf den Weg nach Sarajevo. Ziel der Reise: Er will vor Ort erkunden, wie es um «sein» Wiederaufbauprojekt steht. Sein Auftrag: Er soll in Rajlovac (nahe Sarajewo) und Vrapčićí (Mostar) zwei komplette Poststellen aufstellen. Die Provisorien aus Holz, die zuvor in Bremgarten (AG) und in Feldbach eingesetzt wurden, sind ein Geschenk der Schweizerischen Post. Charles Moerlens Einsatz in Bosnien findet im Rahmen eines Pilotprojekts der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) statt.

Im Ausnahmezustand

Mitte November 1996 reist Charles Moerlen ein zweites Mal nach Bosnien. Er begleitet die Transportkonvois und den Beginn des Aufbaus des ersten Pavillons in Rajlovac. «Was ich da alles erlebt habe, kann ich gar nicht erzählen», meint er nachdenklich. «Beispielsweise war damals nur der Aufenthalt auf geteerter Strasse sicher, alles rundherum war vermint.» Er erinnert sich auch an eine Begegnung mit Leuten, die in einer ausgebombten Ruine unmittelbar neben der Postbaustelle wohnten, und dies mitten im Winter, ohne fliessend Wasser und Strom. Es war auch schwierig, an zusätzliches Baumaterial zu kommen. «Materialknappheit auf allen Gebieten», steht im Protokoll seiner Dienstreise. Dazu kommt, dass unmittelbar nach dem Krieg kaum mehr ausgebildete Baufachleute im Land waren.

Der Höhepunkt seiner dritten Reise Ende November war zweifellos die Eröffnung der neuen Poststelle in Rajlovac pünktlich zum bosnischen Nationalfeiertag. Anwesend waren Vertreter der Schweizer Botschaft und der bosnischen Post. Der Aufbau der zweiten Poststelle in Vrapčićí gestaltete sich ebenso schwierig und aufwändig wie jener in Rajlovac. Nach grossen Problemen bei der Verzollung eines LKWs und Verzögerungen bei der Montage wurden die Arbeiten bis Ende 1996 erfolgreich abgeschlossen.

Reiseerprobt und abenteuerlustig

Dass das Projekt in Bosnien trotz aller Widrigkeiten realisiert werden konnte, ist zu einem grossen Teil Charles Moerlen zuzuschreiben. Er ist ein weltgewandter Mann, der schon immer viel und gerne unterwegs war. Bilder in seiner geräumigen Eigentumswohnung und im Treppenhaus des Wohnblocks zeugen davon. Besonders eindrücklich sind die Fotografien aus Nepal, das er als passionierter Bergsteiger in den 1980er-Jahren mehrmals bereist hat. Ein Teil seiner Wohnung hat er zu einem «Museum» umfunktioniert: Dort stapeln sich Bücher, Filme und Mitbringsel aus fernen Ländern. Zusammen mit seiner Partnerin macht er jedes Jahr eine Kreuzfahrt, seine drei Söhne sind in der ganzen Welt verstreut, und er verbringt einen Grossteil des Jahres in Südfrankreich am Meer, wo er Gäste aus der Schweiz beherbergt.

Ein Organisationstalent

Charles Moerlen ist aber nicht nur ein Abenteurer, sondern auch Architekt aus Leidenschaft – aber kein weltfremder, schöngeistiger, sondern einer, der anpackt und macht. Während seiner aktiven Postlaufbahn hat er viel Zeit damit verbracht, für den Ferienverein der Post Hotels (Valaisia in Montana, Altein in Arosa) zu renovieren. Danach war er bei IMP lange Zeit für die Provisorien zuständig. «Ich war als Tätschmeister bekannt», meint er lachend, «eine Eigenschaft, die mir bis heute geblieben ist. Wissen Sie, morgen habe ich mit der Gemeinde Moosseedorf eine Sitzung für ein grosses Bauprojekt. Das wird mich noch lange beschäftigen», ergänzt er und lacht.

Persönlich

Charles Moerlen (75), aufgewachsen in Steffisburg

Wohnt in Moosseedorf und Cap d’Agde (Frankreich)

Ist Vater dreier erwachsener Söhne

Arbeitete von 1963 bis 1997 bei der Post

Ist in seiner Wohngemeinde als Experte für ein grosses Bauprojekt tätig (Erweiterung der Logistikplattform, Genossenschaft Migros Aare)

Ist weit gereist