Der Autogrammjäger

Vinzenz Brändle hat eine der exklusivsten Autogrammsammlungen weltweit. Noch heute schreibt der Briefträger aus Rotkreuz (ZG) täglich bis zu vier Briefe an Stars und Persönlichkeiten.

14.03.2017
Text: Sandra Gonseth; Fotos: Annette Boutellier
  • Vinzenz Brändle

    Vinzenz Brändle hat für seine Autogrammsammlung ein eigenes Zimmer, das randvoll gefüllt ist mit Material.

  • Vinzenz Brändle

    Den Grundstein für die Sammelleidenschaft legte Pierre Brice in seiner Rolle als Winnetou.

  • Vinzenz Brändle

    Weil seine Eltern schon relativ früh einen TV besassen, wurde er schnell ein riesengrosser Winnetoufan.

  • Vinzenz Brändle

    Noch heute schreibt Vinzenz Brändle noch bis zu vier Briefe täglich, um an das begehrte Unterschriftenmaterial heranzukommen.

  • Vinzenz Brändle

    In Kisten tummln sich Persönlichkeiten aus der ganzen Welt.

«Unsere Gemeinde hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt», sagt Vinzenz Brändle bei der Begrüssung. Seit 29 Jahren Briefträger in Risch-Rotkreuz (ZG), hat er die explodierenden Einwohnerzahlen auch beruflich mitverfolgt. Was früher ein bekannter Bahnknotenpunkt war, ist heute ein Wirtschaftsstandort, wo sich Grössen wie Ex-Novartischef Daniel Vasella und der kanadische Eishockeytrainer Sean Simpson die Hand geben.

Autogramme bis an die Decke

Seit der Trennung von seiner Frau bewohnt Vinzenz Brändle die grosse 4,5-Zimmer-Wohnung, unweit des Bahnhofs, zusammen mit zwei Katzen. Er führt uns durch einen langen Gang zu einem Zimmer. Sein Reich - randvoll bis an die Decke gefüllt mit Ordnern, Fotoalben und Kisten. Und alle haben sie den gleichen Inhalt: Autogrammkarten. Was auf den ersten Blick etwas chaotisch anmutet, ist in Tat und Wahrheit mit 200 000 Unterschriften eine der grössten Autogrammsammlungen der Welt. «Lieber spreche ich von der exklusivsten Sammlung», stellt er klar. Viele Sammler spezialisieren sich auf ein einzelnes Gebiet. Nicht so Vinzenz Brändle. Er sammelt alles, was Rang und Namen hat: Promis, Sportler, Politiker, aber auch Skurriles wie der Schwede, der zwei Monate von Schneemassen eingeschlossen im Auto überlebte.

Winnetou legt den Grundstein

Ein gezielter Griff – «ich brauche keine Verzeichnisse, habe alles im Kopf» - und er öffnet ein Album, indem sich das Konterfei von Winnetou befindet: «Meine Eltern waren in der privilegierten Lage, schon relativ früh einen Fernseher zu besitzen, und deshalb wurde ich schnell ein riesengrosser Winnetoufan.» Das erste Autogramm vom damaligen Hauptdarsteller Pierre Brice war denn auch der Grundstein seiner grossen Sammelleidenschaft. Jahrelang trieb ihn der Gedanke an, möglichst viele Unterschriften zu sammeln - querbeet, planlos. «Doch auf einmal wuchs mir alles über den Kopf», gesteht der 50-Jährige. Ein Fass ohne Boden, das in Stress ausartete. Seitdem hat der Postmitarbeiter einen Gang zurückgeschalten und legt mehr Wert auf Qualität statt Quantität.

Er ist sein bester Kunde

Doch auch heute noch schreibt Vinzenz Brändle bis zu vier Briefe täglich, um an das begehrte Unterschriftenmaterial heranzukommen. Das Sammeln habe sich gegenüber früher stark verändert, betont der Pöstler. «Die Gefahr für Fälschungen ist mit dem Internet gestiegen.» Deshalb geht Vinzenz Brändle manchmal andere Wege: Beim kürzlichen Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten schrieb er Doris Leuthard an, ob sie ihm eine Unterschrift von Xi Jinping besorgen könnte. Er sei sowieso sein bester Kunde bei der Post, meint er schmunzelnd. Die Portokosten belaufen sich auf 60 Franken – pro Woche! Viele Bekannte bringen ihm auf ihren Reisen Briefmarken mit, mit denen er die Rückantwortcouverts bestückt. Und welches Autogramm bedeutet ihm am meisten? Er könne sich unmöglich für einen Namen entscheiden, sagt er. Wir probieren es noch einmal. Was er denn retten würde, wenn es brennt? Da greift Vinzenz Brändle spontan zu einem Ordner. Nahtlos reihen sich legendäre Filmstars aus den 60ern nebeneinander: James Dean, Marilyn Monroe und Audrey Hepburn. Also doch!

Persönlich

Vinzenz Brändle (50), Aufgewachsen in Waldkirch (SG)

Seit 29 Jahren Briefträger in Rotkreuz (ZG)

Sammelt seit über 30 Jahren Autogramme mit Originalunterschrift

Hat eine Rücklaufquote von 50 Prozent

Die Sammelleidenschaft verbunden mit dem Briefeschreiben
hat seine Berufswahl massgeblich beeinflusst

Hat schon über 20 Ausstellungen gemacht

Stöbert auf Auktionen nach neuem Autogrammmaterial