Der Briefträger und seine Dorforiginale

Während Jahren ging der pensionierte Briefträger Peter Ernst aus Brienz mit seiner Kompaktkamera auf Tour. Entstanden sind Hunderte von schwarzweissen Porträts. Jetzt erscheint eine kleine Auswahl in einem Buch.

30.10.2018
Text: Lea Freiburghaus; Fotos: Monika Flückiger
  • Peter Ernst, pensionierter Briefträger und Fotograf, vor seinem Elternhaus aus dem 16. Jahrhundert

    Peter Ernst, pensionierter Briefträger und Fotograf, vor seinem Elternhaus aus dem 16. Jahrhundert

  • Vom Leben gezeichnet: Am liebsten hat Peter Ernst Menschen fotografiert, die am Rande der Gesellschaft stehen.

    Vom Leben gezeichnet: Am liebsten hat Peter Ernst Menschen fotografiert, die am Rande der Gesellschaft stehen.

«Mein Vater ist gestorben, als ich zehn Monate alt war», erzählt Peter Ernst (78), ehemaliger Briefträger aus Brienz und passionierter Fotograf. Seine Mutter zog ihn und seine drei älteren Geschwister alleine gross. «Sie hat hart gearbeitet: genäht, gepflanzt, gebacken.» Zusammen mit dem bescheidenen Lohn seiner 15 Jahre älteren Schwester seien sie gut über die Runden gekommen. «Uns hat es eigentlich an nichts gefehlt», meint er rückblickend.

Am liebsten Charakterköpfe

Das Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen hat Peter Ernst geprägt: «Ich empfinde einen tiefen Respekt für Menschen, die es trotz widrigen Umständen schaffen, ihr Leben selbstständig zu meistern. Für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und nicht unbedingt der gesellschaftlichen Norm entsprechen.» Im ländlichen Brienz, in dem er grossgeworden ist und 45 Jahre lang als Briefträger gearbeitet hat, waren das vor allem Taglöhner, Holzschnitzer, Hirten, Knechte oder ledige Frauen. Aber auch besonders findige Berufsleute und Querdenker haben Peter Ernst stets fasziniert. Über Jahre waren sie seine beliebtesten Fotosujets – im Brienzer Dialekt nennt man diese Dorforiginale «Schlopfi».

Naturtalent am Werk

Hunderte von schwarzweissen Porträts hat der Briefträger von den frühen 1960er-Jahren bis in die 1990er-Jahre geschossen. Zu allen Porträtierten kann er eine Geschichte erzählen. «Ich kann gut mit den Leuten», meint Peter Ernst. Das merkt man: Die Abgelichteten kannten ihn gut und haben ihm vertraut. «Als Briefträger hat man Einblick in fast jeden Haushalt und wird mit ganz unterschiedlichen Lebensumständen und Gewohnheiten konfrontiert.» Meist hat Peter Ernst mit seiner Kompaktkamera nur ein einziges Mal abgedrückt. Nicht wenige dieser Porträts weisen eine hohe ästhetische Qualität auf. Sie verraten, dass hier ein fotografisches Naturtalent am Werk war.

Der Natur verbunden

Seine erste Kamera hatte Peter Ernst von seiner Mutter zur Konfirmation erhalten. Kein übliches Geschenk für die damalige Zeit. «Erst habe ich Landschaften, Tiere und Kollegen fotografiert», erinnert sich Peter Ernst. Der naturverbundene Brienzer war und ist viel draussen unterwegs. Als Bub verbrachte er den Sommer auf der Alp. Seit 50 Jahren ist er im September als Gämsjäger unterwegs. Heuen, Beeren, Waldarbeit: Noch heute ist er am liebsten im Freien.

Traumberuf Briefträger

Dem Naturburschen war die Arbeit als Briefträger sofort sympathisch. «Unser Nachbar war Briefträger, und als Bub sah ich ihn regelmässig um 15.30 Uhr nach Hause kommen. Das fand ich prima.» Draussen sein – und noch viel wichtiger – sein eigener Chef sein: Das waren die Gründe, weshalb auch Peter Ernst nach Ende der Schulzeit und einem Welschlandjahr zur Post ging. Nach einer Ausbildung in Bern und ersten Berufserfahrungen rund um Bern und im Emmental kehrte er 1962 als Briefträger in sein Heimatdorf zurück.

Für die Nachwelt erhalten

200 seiner Fotografien, von denen die meisten auf der Zustelltour entstanden, erschienen zwischen 1981 und 1998 in Kalendern, produziert von der örtlichen Druckerei. Der Rest der Bilder lag bis vor Kurzem unsortiert bei Peter Ernst zu Hause, die meisten in Form von Dias oder Papierabzügen. «Ich habe immer gesagt, man hat ein Hobby für eine gewisse Zeit. Und dann muss man loslassen.» Will heissen: Was die Nachwelt damit macht, ist nicht mehr seine Sache. Andreas Staeger, Journalist und Texter, war damit nicht einverstanden. Er hat das Projekt «Brienzer Fototruckli» ins Leben gerufen, um künftigen Generationen zumindest einen Teil der Fotos zu sichern. Gelten sie doch inzwischen als wertvolle Kulturgüter und bedeutenden Zeitzeugnisse. Eine Auswahl von 200 Aufnahmen wurde durch eine spezialisierte Firma digitalisiert. Mittels Gesprächen und Recherchen wurden die biografischen Angaben der Porträtierten aufgearbeitet und schriftlich fixiert. Dieser Tage erschien ein Buch mit ausgewählten Bildern und Geschichten.

Keine Sujets, keine Fotos

Und wie hat es der pensionierte Briefträger heute mit der Fotografie? «Ich fotografiere nur noch für mich», meint Peter Ernst, und meist mit dem Smartphone statt der Kamera. Den Schritt von der analogen Fotografie hin zur Digitalkamera hat er nie geschafft. Und mit Bedauern ergänzt er: «Mir sind über die Jahre meine liebsten Sujets abhandengekommen: die Dorforiginale.» Vielleicht ist er – ohne es zu merken – heute ja selbst eines.

fototruckli.ch

Sonderangebot

Aktive und pensionierte Postmitarbeitende können das Buch «Brienzer Fototruckli» zum Vorzugspreis von 28 Franken bestellen. Bestellungen bitte bis spätestens 15. November 2018 per E-Mail an redaktion@post.ch mit Angabe von Vorname, Nachname und vollständiger Adresse.