Norge på langs

Fjells, Wölfe und wilde Natur

Martin Kettler, Pöstler in Hasliberg, hat einen Traum verwirklicht. Er hat zu Fuss das knapp 3000 Kilometer lange Norwegen durchwandert. Dabei ist er oft tagelang keiner Menschenseele begegnet.

21.08.2018
Text: Claudia Langenegger; Fotos: Annette Boutellier, Martin Kettler
  • Martin Kettler daheim im Hasliberg. Am liebsten ist er draussen.

    Martin Kettler daheim in Hasliberg. Am liebsten ist er draussen.

  • Martin Kettler geht wenn immer möglich raus in de Natur - zum klettern, wandern oder die Bergluft geniessen.

    Martin Kettler geht wenn immer möglich raus in de Natur - zum klettern, wandern oder die Bergluft geniessen.

  • Martin Kettler geht wenn immer möglich raus in de Natur - zum klettern, wandern oder die Bergluft geniessen.

    Martin Kettler geht wenn immer möglich raus in de Natur.

  • Abendstimmung in Rauland

    Abendstimmung in Rauland.

  • Der Berner Oberländer durchquert mit Sack und Pack den Dividalen Nationalpark

    Der Berner Oberländer durchquert mit Sack und Pack den Dividalen Nationalpark.

  • Martin Kettler in Norwegen

    Martin Kettler in Norwegen.

  • Der See Gautelisvatnet im Narvikfjell bei Narvik in Nordland

    Der See Gautelisvatnet im Narvikfjell bei Narvik in Nordland

  • Martin Kettler in Norwegen
  • Beim Dreiländereck von Norwegen, Schweden und Finnland

    Beim Dreiländereck von Norwegen, Schweden und Finnland

Martin Kettler (48) war mit seiner Lebenspartnerin Monika 2009 im südlichsten Zipfel Norwegens unterwegs, als er sich verfuhr. Beim Herumkurven durch die felsige Landschaft sahen sie plötzlich einen gelben Pfeil mit der Aufschrift: «Nordkap 2518 Kilometer». Es war wie ein Funke, der sprang. «Das wärs», schoss es ihm durch den Kopf. «Warum nicht längs durch Norwegen wandern?», fragte er sich. Also «Norge på langs» - so bezeichnen die Einheimischen diese Route. «Einfach mal draufloswandern mit dem Rucksack, das war schon lange mein Traum», erklärt der Pöstler aus Hasliberg. Seit drei Jahrzehnten verbringt er die Ferien regelmässig in Skandinavien.

In Norwegen gibt es nur streckenweise Weitwanderwege, das fand der sportliche Meiringer gut: «Du musst deinen Weg selbst finden und gestalten und bist nicht in Massen unterwegs.»

Im Mai 2013 ging er los. Im Rucksack hatte er «die ganze Haushaltung und das Schlafzimmer» und im Kopf eine Wanderung von etwa 2700 Kilometern Länge. Start: Kap Lindesnes auf 58 Grad nördlicher Breite, Ziel: Nordkap auf 71 Grad. Zeithorizont: 90 Tage. «Mein sportlicher Ehrgeiz hat mich angetrieben, es in dieser Zeit zu schaffen.»

Absaufen im Fjell

Doch der Oberländer startete in den schlechtesten Frühsommer seit Jahren: Es regnete pausenlos und die «Fjells», die Bergtundra, verwandelte sich weitgehend in unbegehbare Sümpfe. «Ich bin wortwörtlich abgesoffen», erinnert er sich. Das war nicht nur mühsam, sondern richtig gefährlich: Einmal ist er bis zur Brust eingesunken.

Martin Kettler musste auf die geteerte Strasse ausweichen. Wegen des Hartbelags bekam er eine Sehnenscheidenentzündung. Nach 700 Kilometern Strasse gab es nur noch eins: aufhören, aufgeben, in die Schweiz zurückreisen und sich schonen.

Die Enttäuschung hielt sich aber in Grenzen. Denn: «Was ich erlebt hatte, war schlicht grossartig», schwärmt Martin Kettler. «Diese unglaubliche Weite ist für uns Schweizer extrem eindrücklich. Und das tägliche Wandern quer durch die fast menschenleere Landschaft ist einmalig.»

Er hatte mehr als das halbe Norwegen durchquert, war durch den hügeligen Süden und die endlos lange nordische Dämmerung gewandert, hat einmalige Landschaften mit ihren seltenen Formen und Farben entdeckt und die Einsamkeit der Natur genossen.

Aufgeben? Nicht wirklich

Zurück in der Schweiz gings wieder zurück an die Arbeit zu seinen Kollegen. Zu fünft führen sie die kleine und letzte Filiale auf dem Hasliberg. Martin Kettler hatte einst die Postlehre gemacht, war aber danach etwa zehn Jahre als Reparaturtechniker bei den Bergbahnen. Immer wieder packte ihn die Abenteuerlust, ob er nun Helikopter geflogen ist oder die Berge Skandinaviens und der Schweiz erklommen hat.

Im Sommer 2015 zog er nochmals nach Norwegen los, um den Rest der Strecke zu bewandern. Er startete 350 Kilometer südlich vom Punkt, wo er aufgegeben hatte. «Ich hatte viele schöne wilde Gegenden verpasst, diese wollte ich noch erleben», erklärt der Oberländer. Der Vorteil: Er hatte keinen Stress, es in der geplanten Zeit ans Nordkap zu schaffen.»

Laufen und Denken, Essen und Trinken

Anstrengend war es trotzdem. «Am Anfang leidest du dich durch, dann gewöhnst du dich ans Laufen und bist trainiert. Die Anstrengung spürst du nicht mehr.» Auch mit den 25 Kilogramm Material auf dem Rücken dünkte den durchtrainierten Oberländer das Wandern dann gemütlich. Dank der komfortablen unbewarteten Hütten des norwegischen Touristikverbandes hatte er mehr als die Hälfte der Nächte ein Dach über dem Kopf. «Diese Hütten sind teilweise total herzige Bijoux.»

Das Essen hatte er etappenweise für jeweils etwa eine Woche dabei. Wo er nicht einkaufen konnte, hatte er zuvor Fresspakete hinschicken lassen - in Hotels, Pensionen, Tankstellen, Restaurants, Kiosks. Pro Tag ass er vier bis fünf Tafeln Schokolade, dazu Nüsse und Trockenfutter – «Hauptsache kalorienreich und fett», sagt er. «Aber du kannst nicht reinfuttern, was du beim Laufen verbrauchst.»

Martin war die meiste Zeit alleine unterwegs, denn er mag es, unabhängig zu sein und alleine entscheiden zu können, wie schnell er wohin gehen will. Aber: «Du musst gut mit dir auskommen.» Ob er den Zustand beim Wandern beschreiben kann? «Es hat etwas Meditatives. Du machst den ganzen Tag nichts anderes als laufen und denken – da hast du viel Zeit zum Nachdenken.»

Wo die wilden Tiere wohnen

Zuviel Leute waren ihm ein Graus. Überlaufene, beliebte Wandergebiete mied er. Manchmal sah er tagelang keinen Menschen, das Maximum waren acht Tage nacheinander. Was er viel sah, waren Tiere: «Rentiere immer, Rehe, Vielfrasse, ein paar Elche, Füchse», zählt Martin Kettler auf. «Und natürlich die vielen Vögel, das war der Wahnsinn. Du siehst alle Arten von Adler, sogar mal eine Schnee-Eule von Nahem.»

Einmal verfolgte ihn ein Wolf

«Ich hatte das Gefühl, da ist irgendwer», erzählt er. Er lief seine Spur zurück und sah nach etwa 200 Metern Wolfsspuren neben seinen Fusspuren. Das ging etwa zwei Stunden so. Dann war der Wolf weg. «Ich habe wohl sein Revier durchquert.»

Wie er die Verfolgung überhaupt gemerkt hat? «Ich glaube, das ist ein Instinkt. Er verkümmert in der Zivilisation. Nach einer Weile draussen, blüht er wieder auf und wir bemerken Dinge, die in unserem Alltag unvorstellbar sind.» Plötzlich spürt man eben auch die Anwesenheit eines Wolfes, der einen verfolgt, ohne dass wir ihn überhaupt zu Gesicht bekommen. Angst? «Verspürte ich keine», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Auch nicht so weit weg von allem.

Genuss aus dem Garten

Weit weg von der Zivilisation hatte er längst auch nicht immer Telefonempfang. Damit seine Freundin in Meiringen wusste, wo er steckte, schickte er zweimal pro Tag mit seinem Satelliten-Handsender einen GPS-Punkt los. Seine Lebenspartnerin unterstützte ihn voll und ganz. Sie bleibt aber lieber zuhause im Garten bei ihren Blumen und Pflanzen, wenn ihr Freund abenteuerliche Kletter- oder Wandertouren unternimmt. «Wir ergänzen uns perfekt», sagt Martin mit einem Lachen.

Und er hat sich auch besonders auf die Rückkehr nach Hause gefreut. Nach zwei, drei Monaten einseitigem, fettem Essen fühlte er sich wie im Paradies, auf die Erntesaison zurückzukommen und Frischgepflücktes aus dem Garten geniessen zu können.

Hat es ihn verändert? «Ich weiss es nicht», sagt er nachdenklich. «Man sieht aber schon ein paar Dinge klarer. Etwa, dass Leistung nicht wichtig ist. Ich denke auch, dass man nach so einer Reise das Glas viel eher immer halbvoll sieht.»

norgepalangs2013.com

Martin Kettler beschreibt seine Wanderungen im Buch «Schritt für Schritt nordwärts». Postmitarbeitende erhalten es zum Sonderpreis von 25 Fr. (inkl. Porto). Bestellung via E-Mail: npl2013@bluewin.ch oder per Briefpost: M. Kettler, Steinmühlestr. 8, 3860 Meiringen.