Postenjagd im Schnee

Langlaufen und gleichzeitig Posten suchen? Beim Ski-OL ist beides gefragt. Keiner kann dies besser als der Postlernende Severin Müller (18). Er ist ein Nachwuchstalent in dieser Randsportart.

29.01.2018
Text: Sandra Gonseth; Fotos: Yoshiko Kusano
  • Severin Müller

    Der Detailhandelslernende beim Training auf den Loipen in Kanderstegs.

  • Severin Müller

    Severin Müller trainiert bis zu 10 Stunden pro Woche Kraft und Ausdauer.

  • Severin Müller

    Beim Ski-OL ist nicht nur guter Orientierungssinn, sondern auch Ausdauer gefragt.

  • Severin Müller

    Die Herausforderung im Ski-OL ist die Wahl der schnellsten Route.

  • Severin Müller

    Der 18-Jährige geniesst nach dem anstrengenden Training einen heissen Tee.

  • Severin Müller

    Severin Müller hat den Sprung ins Schweizer Elite- und Juniorenkader geschafft.

«Wenn ich im Wald die Orientierung verliere, habe ich manchmal schon ein mulmiges Gefühl», sagt Severin Müller. Dann gibt es für ihn nur eines: «Ich muss zum letzten Posten zurückfinden.» Gar nicht so einfach. Vor allem in den Wäldern Lapplands. Denn im hohen Norden hängen nicht nur die Wolken tiefer, sondern auch die Spuren sind etwas anders ausgelegt. Es gibt ein paar wenige Hauptloipen und viele unpräparierte Nebenloipen. In der Schweiz ist es genau umgekehrt.

In den Wäldern Lapplands

Postlernender Severin Müller ist ein Nachwuchstalent im Ski-OL und hat den Sprung ins Schweizer Elite- und Juniorenkader geschafft. Gerade ist er aus Ylläs zurückgekehrt, dem bekannten finnischen Langlaufgebiet. Der Thuner schnupperte dort erstmals Weltcupluft. «Es ist ein besonderes Gefühl, wenn du 200 Kilometer alleine durch den Wald läufst.» Er liebe diese Weite und diese Ruhe.

Severin Müller lehnt sich entspannt zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. Das morgendliche Krafttraining hat der Sportler schon hinter sich. Er trägt jetzt Norwegerpulli mit dem typisch roten Muster. Die Qualifizierung sei ein grosser Sprung gewesen, die Konkurrenz dementsprechend gross. «Es war für mich eine wichtige Erfahrung, auch wenn ich mich nicht in den vorderen Rängen platzierte.»

Mit Kartengestell am Oberkörper

Doch was ist Ski-OL genau? «Mit einer Karte sind in möglichst kurzer Zeit eine Anzahl Posten in vorgegebener Reihenfolge anzulaufen», erklärt der 18-Jährige. Die Wettkämpfe finden auf einem extra dafür präparierten Loipennetz statt. Die Herausforderung sei nicht das Finden der Posten, denn diese stehen immer an der Loipe. Die Herausforderung sei die Wahl der schnellsten Route. Man könnte also theoretisch auch Abkürzungen nehmen? «Das zahlt sich meistens nicht aus», weiss Severin Müller aus Erfahrung. Erstens sei das Gelände fremd und zweitens nütze das Material ab. Damit es mit der Orientierung klappt, benötigen die Athleten ein Kartengestell mit einem beweglichen Hebel, das sie am Oberkörper befestigen.

Sportkollegen unter sich

In einer halben Stunde fängt sein Dienst bei der Postfiliale Thun Bahnhof an. Der Detailhandelslernende ist im dritten Lehrjahr. «Ich mag den Kundenkontakt, kein Tag ist wie der andere». Für Training und Wettkämpfe erhält er rund 23 Tage unbezahlten Urlaub. Severin Müller trainiert bis zu zehn Stunden pro Woche. Im Winter zieht er seine Spuren am liebsten auf den Loipen Kanderstegs. Im Sommer ist er auf Rollskiern unterwegs. «Ski-OL verlangt einem körperlich viel ab, weil man oft auf unpräparierten Loipen unterwegs ist.» Ein ziemlich durchgetaktetes Leben. Ob er denn nicht den Ausgang vermisse? «Nein», sagt der 18-Jährige und lächelt. Ausgang sage ihm nicht viel. Seine engsten Freunde sind seine Sportkollegen.

Eine sportliche Familie

Von Kindsbeinen an stand Severin Müller auf Langlaufskiern. Später kam der Orientierungslauf dazu. Doch der normale OL habe ihn nie so richtig gepackt. Da lag es auf der Hand, beides zu kombinieren. Er setzte deshalb relativ spät auf eine sportliche Karriere. «Bei einer anderen Sportart wäre der Zug längst abgefahren», ist der Jugendliche überzeugt. Ski-OL ist immer noch eine Randsportart und vor allem in nordischen Ländern verbreitet. Um erfolgreich zu sein, müsse man in schwierigen Situationen die Nerven bewahren, sagt der Lernende. Mit seiner ruhigen Art gelingt ihm das auch meistens. Und doch schlummert viel Ehrgeiz in ihm. «Falls die Disziplin olympisch werden sollte, wäre eine Qualifikation mein grosses Ziel.» Bis dahin setzt er auf ausgeklügelte Trainings: Um die Konzentrationsfähigkeit zu steigern, löst er beim Postensuchen immer ein paar Rechnungsaufgaben. Das hilft ihm dann auch gleich bei seiner Ausbildung bei der Post.

swiss-orienteering.ch

Persönlich

Severin Müller (18)

Lernender Detailhandel im 3. Lehrjahr, Poststelle Thun Bahnhof

Wohnt mit Familie und drei Geschwistern (Annina 21, Nicolas, 19, und Dominic, 14) in Thun

Grösste Erfolge: 3. Platz Staffel Jugendeuropameisterschaft 2016
Teilnahme Junioren WM 2017
2. Platz Schweizermeisterschaften (Langdistanz) 2017
3. Platz Schweizermeisterschaften (Kurzdistanz) 2017
Teilnahme Weltcup in Finnland

Hobbys: Sport allgemein, Reisen in den Norden