Sie brachte Briefe und ihr Lächeln

Im Juli wird Giannina Ghirlanda 70 Jahre alt. 20 Jahre lang war sie für die Post in den Tälern um Lugano unterwegs, um Briefe zuzustellen.

21.06.2016
Interview: Stefania Grasso; Fotos: François Wavre
  • Giannina Ghirlanda

    Giannina Ghirlanda

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    Giannina Ghirlanda

Wie sind Sie zur Post gekommen?

Ich war verheiratet und Mutter einer Tochter (Maurizia, die nun im Val Colla Briefbotin ist!). Die Leute von der Poststelle Sonvico-Dino beknieten mich: «Giannina, wir brauchen jemanden, der die Post austrägt!» Ich kannte die Post als Arbeitgeberin aber überhaupt nicht und war skeptisch. Am Vorabend meines ersten Arbeitstags ging ich im Geist meine ganze Tour im Bezirk immer wieder durch. Ich kannte alle Haushalte und die Leute. Am Morgen bereitete ich die Briefe vor, ging los, und alles lief wie am Schnürchen.

Wollten Sie nie einen anderen Job?

Nie! Im Gegenteil, ich sage immer: Weshalb habe ich nicht schon früher für die Post gearbeitet? Ich hätte für nichts in der Welt die Stelle gewechselt. Ich hatte immer beste Beziehungen zu Kollegen und Vorgesetzten, ich liebte den Kontakt zu den Leuten und die Natur: den Sonnenaufgang, die verschneiten Berge oder die Blumenwiesen.

Welches ist Ihre lebhafteste Erinnerung?

Der Kontakt zu den Leuten. Auf meiner Tour brachte ich die Post zu vielen älteren Leuten. Ich half ihnen dann auch gleich mit kleinen Sachen. Ich habe ihre Dankesbriefe immer noch. Sie freuten sich, eine so «menschliche» Briefbotin zu haben. Ich erinnere mich besonders an einen blinden, 90-jährigen Mann: Ihm brachte ich die Post an die Haustür. Einmal sagte er mir voller Dankbarkeit: «Ich hatte noch nie jemanden, der mir so viel hilft.»

Welches sind für Sie die einschneidensten Veränderungen?

Ich war immer stolz darauf, für die Post zu arbeiten. Aber in letzter Zeit scheint alles hektischer, und die Briefboten haben nicht mehr viel Zeit, um die sozialen Kontakte zu pflegen.

Welches sind Ihre Hobbys?

Ich arbeite gerne in meinem 150-jährigen Patrizierhaus und im Garten und kümmere mich um meine Tiere: Ich habe vier Hunde, vier Katzen, Kanarienvögel und drei Hühner. Zudem engagiere ich mich in der Gemeinde. Ich helfe Senioren im Ort, vor allem einer Frau, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Und schliesslich bin ich auch noch Sakristanin: Ich bereite den Altar vor und schaue, dass alles für die Messe vorbereitet ist.