«Ich war von Anfang an als Frau akzeptiert»

Verena Wildi war die erste Frau in der Region Oberaargau, die eine Postlehre als Zustellerin startete. Das war vor 40 Jahren.

27.05.2015
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: François Wavre
  • Verena Wildi
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Wie war Ihr erster Arbeitstag?

Mein Ausbildner, ein Zwei-Meter-Hüne, hatte an diesem Tag einen Hexenschuss und ich, knappe 1,55 Meter gross, musste deshalb alle schweren Sachen hinter ihm hertragen. Ein komisches Bild, das manchen Kunden zu einem mitleidigen Kommentar veranlasste.

Waren Sie als Frau in dieser Männerdomäne akzeptiert?

Ich fühlte mich von Anfang an gut aufgenommen. Aber auf der Zustelltour fragten mich Kunden oft, ob ich eigentlich ein Mädchen oder ein Junge sei. Nicht etwa, weil ich knabenhaft ausgesehen hätte, einfach, weil man sich in diesem Beruf keine Frau gewohnt war.

Welches war Ihr aussergewöhnlichstes Erlebnis?

An einem trüben Tag musste ich bei einem Kunden in einem abgelegenen Haus Auszahlungen vornehmen. Als ich geklingelt hatte und eingetreten war, schloss er hinter mir die Türe ab. Das Ganze war zum Glück nur ein Missverständnis; er hatte es aus reiner Gewohnheit getan.

Wie schalten Sie nach einem arbeitsreichen Tag ab?

Mit Haus und Garten und natürlich mit unseren zwei Pferden und dem Pony. Ich bin leidenschaftliche Westernreiterin und betreibe dieses Hobby wettkampfmässig.

Weshalb haben Sie den Arbeitgeber nie gewechselt?

Ich hatte mir geschworen, nur die Lehre bei der Post zu machen und danach nach Kanada auszuwandern. Doch es kam anders: Der Liebe wegen bin ich der Schweiz treu geblieben und somit auch der Post.