«Ich habe mir eine Arbeit draussen gesucht, die erst noch gut bezahlt ist»

Briefträger als Traumberuf? Für Kurt Flückiger (90) war dem so. Während fast 30 Jahren vertrug er die Post im Westen Berns.

30.10.2018
Interview: Lea Freiburghaus; Fotos: François Wavre

Kurt Flückiger auf dem Campingplatz in Bellinzona.

Herr Flückiger, Sie sind 90 und machen noch Velotouren, wie sie viele Junge kaum schaffen. Stammt diese Begeisterung fürs Velofahren noch aus Ihrer Aktivzeit bei der Post?

Nein, ich habe nie mit dem Fahrrad zugestellt. Die Begeisterung ist wohl eher genetisch bedingt: Mein Vater war Velomechaniker und hatte in Huttwil einen Laden und eine Werkstatt.

Wie sind Sie zur Post gekommen?

Ich habe Möbelschreiner gelernt, wollte aber nicht den ganzen Tag drinnen sein. Also habe ich mir eine Arbeit draussen gesucht, die erst noch gut bezahlt ist. So bin ich 1964 bei der Post gelandet. Weil es in Huttwil keine freie Stelle gab, zog ich mit meiner jungen Familie nach Bern Bümpliz. Dort habe ich eine einjährige Lehre als Briefträger gemacht.

Wie war der Beruf des Briefträgers damals?

Zu Beginn bin ich mit dem Handwagen losgezogen, ausgerüstet mit einer Tasche voll Geld, dem Zustell- und dem Zeitungsbüchlein. Wir haben alles gemacht: Einzahlungen, Auszahlungen, Nachnahmen, Zeitungen – die NZZ kam damals noch dreimal am Tag. Frühstück habe ich zu Hause nie gegessen, es gab ja immer etwas auf der Tour. Am Samstag haben mich meine Töchter oft begleitet – auf dem Heimweg durften sie im Wagen mitfahren. Nach einem Skiunfall bekam ich eine motorisierte Tour.

Wie war es, als Sie 1993 in Rente gingen?

Die erste Frau hatte eben ihre Lehre als Briefträgerin bei uns in Bümpliz begonnen und meine Kollegen machten erste Versuche mit einem Computer, den wir kurz zuvor erhalten hatten.

Welches Ereignis ist Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben?

Einmal sollte ich ein dickes Rohr zustellen. Mit dem Rohr auf dem Autodach bin ich erst in die Passage eines grossen Wohnblocks gefahren, um dort die Post zuzustellen. Als ich wegfahren wollte, gab es einen heftigen Ruck und mein Dach war weg – oh Schreck! Es hat mich viel Überwindung gekostet, dieses Malheur meinem Chef zu beichten.

Und wohin führt Sie Ihre nächste Velotour?

Mit grosser Wahrscheinlichkeit von Bellinzona nach Ascona und retour, da ich im Sommer über viel Zeit auf dem Campingplatz in Bellinzona verbringe. Leider habe ich es dieses Jahr nie geschafft, rund um den Lago Maggiore zu fahren. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr.