«In null Komma nichts war es fünf Uhr morgens»

Paolo Pisano feiert im August seinen 75. Geburtstag. Er stammt ursprünglich aus dem sizilianischen Catania und kam als Jugendlicher in die Schweiz. Die letzten zehn Jahre vor der Pensionierung arbeitete er bei der Post, die sehr von seiner Flexibilität profitierte.

21.08.2018
Interview: Claudia Iraoui; Fotos: François Wavre

Wie kam es, dass Sie Postangestellter wurden?

Eher durch Zufall, als ich 55 war. Ich hatte 20 Jahre lang zusammen mit meiner Frau einen Tabak- und Souvenirladen geführt, aber dann wurde der Mietvertrag für das Grundstück nicht mehr verlängert. Und ich musste Gelegenheitsjobs annehmen, um über die Runden zu kommen. Ich arbeitete für die TPG (Genfer Transportbetriebe), als ich eines Tages einen Bekannten traf, der bei der Post angestellt war. Er erzählte mir, dass dort Leute gesucht würden. Und eh ich michs versah, war ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Woran erinnern Sie sich aus der ersten Zeit?

Tagsüber arbeitete ich für die TPG, und von fünf bis sieben Uhr abends sortierte ich Pakete. Eines Abends waren drei oder vier Kollegen krank, und ich fand mich vor einem Riesenberg Pakete wieder, die sortiert werden mussten. Der Chef fragte mich, ob ich die Nachtschicht übernehmen könne. Pakete sortieren, Wagen leeren, Säcke von der Rutsche runterwerfen ... in null Komma nichts war es fünf Uhr morgens. Ich habe mich wohl ganz gut geschlagen, denn kurze Zeit später erhielt ich einen unbefristeten Vertrag.

Dank Ihrer Flexibilität arbeiteten Sie auch für andere Einheiten.

Ja, ich stellte als Pöstler Briefe und Pakete zu und war in vielen Poststellen tätig: Genève 2 Montbrillant, Genève 11 Stand, Genève 3 Rive, Genève 1 Mont-Blanc, Genève 13 Charmilles, Plainpalais und Champel.

Welches Erlebnis werden Sie nie vergessen?

Einmal haben unsere Vorgesetzten einen Ausflug an den Lac d’Annecy organisiert. Mit Kompass und Karte bewaffnet, mussten wir im Wald eine Art OL mit drei Etappen absolvieren. Die erste Strecke schafften wir ohne Probleme, danach bogen wir aber falsch ab und kamen direkt zum Ziel. Wir wollten aber auch die zweite Etappe noch machen – und verliefen uns hoffnungslos. Es war schon Nacht, als die anderen uns fanden ... Sie können sich denken, wie die Kollegen die nächsten Tage über uns spotteten!

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich habe Zeit für meine Hobbys, die Numismatik und die Philatelie. Ich höre Musik aus den Sechzigern, vor allem Adriano Celentano und Peppino di Capri, und ich lese viel. Und nicht zuletzt hüte ich meine drei Enkel, so wird mir nie langweilig!