Wenn Mensch und Maschine in Symbiose arbeiten

Edy Portmann, Inhaber der Förderprofessur der Schweizerischen Post an der Universität Bern, zu Big Data, Smart und selbstfahrenden Autos.

Ausgabe 12/2015
Text: Annick Chevillot; Fotos: Béatrice Devènes; Illustrator: Dennis Oswald, Branders

Fast die Hälfte aller Postangestellten findet die selbstfahrenden Postautos abschreckend. Wie erklären Sie sich diese Tatsache?

Ich habe den Eindruck, dass die Antworten zu einem grossen Teil auf Ängste zurückzuführen sind. Die Menschen befürchten, ihre Selbstständigkeit, ihren freien Willen, ihre Unabhängigkeit usw. zu verlieren. Aber im Zentrum der Umwälzungen, die gegenwärtig in der Gesellschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz vor sich gehen, steht nichts anderes als der Mensch! Die neuen Technologien unterstützen menschliche Tätigkeiten, sie ersetzen sie nicht. Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Menschen lassen sich nicht wie Arbeitsplätze wegrationalisieren. Der Mensch muss für sich neue Aufgaben erfinden. Das klingt vielleicht utopisch, aber wenn Maschinen unsere Aufgaben übernehmen, können wir uns anderen Dingen widmen: der Erziehung unserer Kinder, dem Engagement für die Gesellschaft usw.

Damit sagen Sie das Ende der Arbeit voraus!

Dank der Automatisierung werde ich mich selbst verwirklichen können und das tun, was ich mir wünsche. Dadurch wird sich unsere Sicht auf die Welt stark verändern. Wen kümmert es heutzutage noch, wer einen Lift zum Laufen bringt?

Dennoch beunruhigt die Tatsache, dass alltägliche Gegenstände plötzlich «intelligent» werden, zahlreiche Mitmenschen, darunter auch viele Mitarbeitende der Post …

Die Entwicklung intelligenter Instrumente ist keine Gefahr. Sie birgt ganz im Gegenteil enorme Chancen! Ich wiederhole es nochmals: Es geht nicht darum, etwas zu ersetzen, sondern darum, Alternativen anzubieten und «smarte» Lösungen zu entwickeln.

Smart ist das neue Modewort. Was verbirgt sich konkret dahinter?

Smart ist ein Oberbegriff für die Art und Weise, wie die Gegenstände unseres Alltags mit Intelligenz ausgestattet werden. Dazu zählen alle IT-Dienste, die neuen Technologien, die Gebäudeautomation, die Kybernetik und das Internet der Dinge. Diese globale Intelligenz entwickelt sich überall: in den Städten und Gemeinden, im Wohnbereich, bei der Arbeit, im Energie- und Umweltbereich, im Sport, in der Logistik usw. Ihr Ziel ist es, die Lebensqualität zu verbessern. Trotzdem wird es die Post in Papierform und mit Stempel auch weiterhin geben. Sie wird nicht dadurch überflüssig, dass die Möglichkeit besteht, sichere E-Mails zu versenden. Schallplatten verkaufen sich so gut wie nie zuvor, obwohl der Zugang zu Onlinemusik ganz einfach ist. Das eine schliesst das andere nicht aus, sondern beide Möglichkeiten haben ihre Berechtigung.

Dennoch haben Sie gerade eine Welt beschrieben, die von Big Data regiert wird!

(Lacht) Die Problematik von Big Data ist zweifellos eine heikle Angelegenheit. Man kommt nicht darum herum, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Vereinfacht ausgedrückt lässt sich Big Data in zwei Kategorien unterteilen. Die erste Kategorie weist von oben nach unten. Es geht um Kontrolle, Überwachung und Auswertung von Daten – darum, was wir gemeinhin als «Big Brother» bezeichnen. Diese Seite von Big Data ist äusserst unerfreulich. Aber es gibt noch eine andere, absolut positive Seite: die Big-Data-Kategorie, die von unten nach oben weist. Sie verläuft von der Einzelperson zur Gruppe. Wenn sich Bürger zusammenschliessen, um für eine höhere Lebensqualität, Verbesserungen in ihrer Stadt oder Region oder für bessere wirtschaftliche Verhältnisse einzutreten, entsteht eine Gesellschaft, die es versteht, die neuen Technologien einzusetzen, ohne sich von ihnen manipulieren zu lassen.

Werden solche Initiativen Ihrer Meinung nach allgemein zunehmen?

Ganz bestimmt! Laut Untersuchungen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston werden im Jahr 2050 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung in Städten leben. Die Städter können durch die Entwicklung intelligenter Technologien nur profitieren. Sie können ihre Bedürfnisse dadurch aktiv gestalten und sich mit anderen vernetzen. Vor allem wird die Personalisierung dadurch einfacher.

Inwiefern ist all dies wichtig für die Post?

Ganz einfach deshalb, weil sie ein Spiegel der Gesellschaft ist. Die Post kümmert sich um die Bedürfnisse der Bewohner dieses Landes. Durch Bereitstellung innovativer Dienste im Sinne der neuen Technologien erfüllt sie diese Bedürfnisse und kommt ihnen manchmal sogar zuvor. Es ist jedoch ihre Pflicht, Innovationen einfach und mit System einzuführen, um die Gesellschaft von morgen mitzugestalten. Dies entspricht der aktuellen Vision und dem, was ich soeben gesagt habe. Und überhaupt: Wen kümmert es in hundert Jahren, wer ein selbstfahrendes Postauto zum Laufen bringt?

http://edyportmann.info

http://portmann.iwi.unibe.ch

Ergebnisse der November-Umfrage

«Würden Sie in einem selbstfahrenden Postauto mitfahren?»