«Wer weiss, welche Pollen seine Allergie auslösen, kann sein Reiseziel klug wählen»

Der Leidensdruck für Pollenallergiker ist dieses Jahr besonders gross, denn es hat überdurchschnittlich viele Pollen in der Luft. Bettina Ravazzolo, Expertin bei aha! Allergiezentrum Schweiz, erklärt, was Sie über die häufigste Allergie wissen müssen.

03.07.2018
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: Annette Boutellier
  • Bettina Ravazzolo, Expertin bei aha! Allergiezentrum Schweiz

    Bettina Ravazzolo, Expertin beim aha! Allergiezentrum Schweiz

  • Bettina Ravazzolo, Expertin bei aha! Allergiezentrum Schweiz

    Bettina Ravazzolo, Expertin beim aha! Allergiezentrum Schweiz

Man hat das Gefühl, dass immer mehr Personen allergisch auf Pollen reagieren. Richtig?

Das stimmt! Rund 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind heute von einer Pollenallergie betroffen. Vor 100 Jahren war es erst knapp ein Prozent. Die Gründe für diese Zunahme sind vielfältig: So spielt etwa die Luftverschmutzung eine Rolle, da sie Pollen aggressiver macht. Mitverantwortlich sind aber auch unser hoher Hygienestandard, die westliche Ernährung und die Veränderung des Klimas.

Welche Pollen bereiten am meisten Probleme?

Der grösste Teil der Heuschnupfengeplagten - nämlich rund 70 Prozent - reagieren auf Gräserpollen. Gräser geben riesige Pollenmengen ab, sie gedeihen fast überall und stehen aufgrund des Klimawandels länger in Blüte. Bei den Bäumen wird die Birke gefürchtet: 8 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind auf ihre Pollen sensibilisiert. Diese sind sehr klein, sodass sie tief in unsere Atemwege gelangen.

Dieses Jahr hat es überdurchschnittlich viele Pollen. Wie kommt das?

Es gibt Jahre, in denen – abhängig von der Baumart - mehr Pollen freigesetzt werden. Dieses Jahr war beispielsweise ein starkes Birkenjahr, da die Birke alle zwei Jahre sehr viele Blüten bildet. Zudem sorgte das sommerliche Wetter im April dafür, dass mehrere Baumarten fast gleichzeitig blühten. Und da es wenig regnete, wurden die Pollen kaum aus der Luft gewaschen.

Wie bestimmt man denn, wie viele Pollen sich gerade in der Luft befinden?

Immer montags werden aus 14 regionalen Pollenfallen die mit einem Klebestreifen eingefangenen Pollen entnommen. Pollenanalysten identifizieren unter dem Mikroskop die Pollenarten und zählen sie aus. Aus diesen Daten wird die Pollenbelastung bestimmt. In Kombination mit der Wetterlage wird anschliessend die Pollenprognose erstellt.

Was bringt diese Prognose den Betroffenen konkret?

Wer Heuschnupfen hat und weiss, wo wie viele Pollen fliegen, kann ihnen besser ausweichen. Am schnellsten erhält man diese Info über die App «Pollen-News». Wenn es länger schön und warm ist, sind besonders viele Pollen in der Luft. Dann nehmen Betroffene am besten vorsorglich ihre Medikamente ein und halten sich vermehrt drinnen auf.

Wie sieht die klassische Therapie gegen eine Pollenallergie aus?

Wir empfehlen, eine Pollenallergie immer beim Arzt abzuklären, der die Therapie individuell festlegen wird. Dazu gehören: Tipps zum Meiden der Pollen, eine medikamentöse Behandlung sowie allenfalls eine Desensibilisierung, um den Heuschnupfen ganz loszuwerden. Dabei wird der Körper langsam an den Allergieauslöser gewöhnt.

Und was geschieht, wenn eine Allergie unbehandelt bleibt?

Wer seine Pollenallergie nicht behandelt, geht ein grösseres Risiko ein, dass sich sein allergischer Schnupfen plötzlich zu einem allergischen Asthma ausweitet. Dieses Übergreifen der Reaktionen von den oberen Atemwegen auf die Bronchien und Lungen wird als Etagenwechsel bezeichnet.

Jetzt ist wieder Ferienzeit. Haben Sie Reisetipps für Pollengeplagte?

Wer weiss, welche Pollen seine Allergie auslösen, kann sein Reiseziel klug wählen. In der Schweiz ist die Pollenbelastung in höhergelegenen Regionen kürzer und geringer. Auch Meer nahe Küstenlandschaften mit Seewind sind eher pollenarm. Sicher ist es sinnvoll, sich über die lokale oder europäische Pollensituation zu informieren.


www.aha.ch
App «Pollen-News» kostenlos im App Store (iPhone) oder Google Play Store (Android) herunterladen

Pollenprognosen

Schweiz: www.pollenundallergie.ch
Europa: www.polleninfo.org

Digitaler Allergiepass

Mit der App «AllergiePass» haben Menschen mit Allergien und Intoleranzen alle Informationen zu Allergien, Symptomen und Medikamenten auf ihrem Smartphone. Diese Angaben können ¬vom Arzt validiert werden. Dadurch wird die Behandlungssicherheit verbessert. Später sollen die Angaben auch ins elektronische Patientendossier übertragen werden können. Die App wird von rund 13 000 Personen in der Schweiz genutzt. Sie ist herausgegeben von aha! Allergiezentrum Schweiz und der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (SGAI) und wurde in Zusammenarbeit mit der Post entwickelt.

Ergebnisse der Umfrage

«Sind Sie allergisch auf Pollen?»