Gehen Sie raus und tanken Sie Sonnenlicht!

Francesca Siclari, Leiterin des Zentrums für Schlafmedizin und Schlafforschung am Universitätsspital Lausanne, zur saisonal bedingten Müdigkeit.

19.04.2016
Text: SAM-CHUV; Interview: Annick Chevillot
Francesca Siclari

Francesca Siclari leitet die Abteilung am Unispital Lausanne.

45 Prozent der Befragten leiden an Frühjahrsmüdigkeit. Weshalb sind wir im Frühling müder als sonst?

In dieser Jahreszeit gibt es mehrere Faktoren, die die Müdigkeit beeinflussen können. Einerseits kann die Zeitumstellung Ende März unseren inneren Rhythmus durcheinanderbringen. Unsere Tages- und Nachtgewohnheiten verschieben sich leicht: Wir gehen später ins Bett und haben Mühe, am Morgen früher aufzustehen. Das kann zu einem Schlafmangel führen. Der Organismus braucht manchmal mehrere Tage, bis er sich an den neuen Rhythmus gewöhnt hat. Hinzu kommen die saisonalen Allergien. Pollenempfindliche Menschen verspüren oft auch eine zusätzliche Müdigkeit. Es gibt also konkrete Gründe für diese Müdigkeit. Aber zum Glück leiden nicht alle darunter. Ein grosser Teil der Bevölkerung verspürt im Frühling gar mehr Energie, weil die Sonne öfter und länger scheint.

Sollten von Müdigkeit Betroffene mehr an die Sonne gehen, um ihren Zustand zu verbessern?

Ja. Das Licht hilft, unseren Schlaf-Wach-Rhythmus zu synchronisieren und zu regulieren. Am Morgen sollte man rausgehen und Sonnenlicht tanken. Aber wenn man an Schlafmangel leidet, reicht das nicht – man muss auch schlafen! Das einzig wirksame Heilmittel gegen Schläfrigkeit ist Schlaf.

Angestellte können aber nicht jederzeit eine Siesta machen. Was kann man tun, wenn man arbeiten muss, obwohl man am liebsten nur noch schlafen würde?

Wenn die Symptome chronisch sind und trotz ausreichend Schlaf andauern, sollte man sich untersuchen lassen. Es gibt auch andere medizinische Gründe für Schläfrigkeit, wie z.B. Schlafapnoe. Man sollte rasch zum Arzt gehen, wenn man in einem Umfeld arbeitet, in dem reelle Risiken bestehen: Autofahrten, Maschinenarbeit, Passagiertransport usw. Neue Studien haben gar gezeigt, dass gewisse Areale im Gehirn «im Wachzustand schlafen», wenn man an Schlafmangel leidet, und dass dies bei Arbeiten, die Konzentration verlangen, zu Fehlern führt. Zudem machen chronische Schläfrigkeit und Schlafmangel einen Menschen gereizt, impulsiv und negativ.

Was kann man gegen Müdigkeit und Schläfrigkeit tun, bevor man zum Arzt geht?

Schweres Essen vermeiden, am Morgen nach draussen gehen, um so viel Sonnenlicht wie möglich aufzutanken, einen regelmässigen Schlafrhythmus pflegen, ausreichend schlafen und am Abend leuchtende Bildschirme (Tablets, Smartphones) vermeiden.

Muss man mit seinen Vorgesetzten über die Müdigkeit sprechen?

Das kann eine heikle Angelegenheit sein, denn sogar gewisse Ärzte tendieren manchmal dazu, Müdigkeitsbeschwerden zu verharmlosen. Allerdings hat die Forschung in diesem Bereich Fortschritte gemacht, und wir wissen heute, dass die Qualität und die Quantität des Schlafs tatsächlich einen Einfluss auf die Produktivität haben.

www.chuv.ch/sommeil

Sie können sich per E-Mail wenden an: gesundheit@post.ch

Ergebnisse der März-Umfrage

«Leiden Sie unter Frühjahrsmüdigkeit?»