«Fussball ist das einfachste Spiel der Welt»

Die Fussball-EM ist seit dem 10. Juni in vollem Gang. Gilbert Gress erklärt, wen er in der Favoritenrolle sieht und für welche Mannschaft sein Herz schlägt.

21.06.2016
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: McOptik; Illustrator: Branders Group AG
  • Gilbert Gress

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    Gilbert Gress

Herr Gress, werden Sie bei der EM im Stadion mitfiebern?

Nein, ich bleibe zu Hause und schaue mir die Spiele vor dem Fernseher an. Wenn ich ins Stadion gehe, sehe ich nur ein Spiel – daheim kann ich alle Partien in Ruhe anschauen.

35 Prozent der Postmitarbeitenden werden ihre Alltagsgewohnheiten während der Europameisterschaft ändern. Das müsste Ihnen als Fussballfanatiker doch gefallen, oder?

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass viele Postmitarbeitende ihren Alltag so gestalten, dass sie die Euro mitverfolgen können. Wer könnte das besser verstehen als ich. Fussball ist das einfachste Spiel der Welt – und wohl deshalb auch das beliebteste. Fussball kann man überall spielen, man braucht dazu nicht mal einen richtigen Ball.

Und doch polarisiert die Sportart. Weshalb?

Wenn 20 000 Leute in einem Stadion sind, gibt es 20 000 Meinungen. Jeder weiss es besser als der Trainer oder der Schiedsrichter. Jeder sieht gewisse Dinge anders. Deshalb kann man auch so gut stundenlang über Fussball diskutieren.

Was macht denn eine erfolgreiche Mannschaft aus?

Das Siegen ist natürlich das Wichtigste im Sport. Eine erfolgreiche Mannschaft sollte sich aber auch immer so verhalten, dass sie ein Vorbild für die Jugend ist. Darauf legte ich als Trainer immer Wert.

Wie haben Sie damals als Trainer Ihre Mannschaft motiviert?

Mir war wichtig, menschliche und intelligente Spieler zu haben und einen guten, abwechslungsreichen Trainingsplan zu gestalten. Das ganze Drumherum muss passen. Die Spieler müssen sich wohl fühlen. Dazu gehören auch gutes Essen und genügend Schlaf. Gleichzeitig muss man auch darauf achten, die Spieler nicht rigoros von ihrem sozialen Umfeld fernzuhalten. Ist alles in allem stimmig, genügen oft nur ein paar Worte, um die Spieler zusätzlich zu motivieren.

Braucht es viele Teamplayer in einer Mannschaft?

Eine gute Mannschaft zeichnet sich durch Teamplayer aus – egal ob diese auf dem Platz stehen oder auf der Bank sitzen. Nur im Kollektiv kann man erfolgreich sein. Fussball ist schliesslich ein Mannschaftssport.

Und was macht man mit Einzelkämpfern?

Ich habe immer sehr viel Wert auf einen respektvollen Umgang unter den Spielern gelegt. Deshalb habe ich mich auch nie gescheut, Spieler auf die Ersatzbank zu setzen, wenn sie sich nicht gut in die Mannschaft eingefügt haben. Man muss dann mit dem betroffenen Spieler einen entsprechenden Dialog führen und ihm klar machen, was man von ihm erwartet und weshalb. Falls es dann immer noch nicht ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er es nie versteht. Dann muss man halt die Konsequenzen ziehen.

Für welche Mannschaften schlägt Ihr Herz an der EM?

Mein Favorit ist Frankreich – nicht weil ich Franzose bin, sondern wegen des nicht zu unterschätzenden Heimvorteils. Frankreich war 1984 Europameister und 1998 Weltmeister – beide Male zu Hause. Im Moment passt die Mannschaft auch gut zusammen. Einzig in der Abwehr könnte es Probleme geben, da hatten sie jüngst Ausfälle, die nicht einfach zu kompensieren sein werden. Mein Herz schlägt aber auch für die Schweiz, weil ich auch Schweizer bin, und für Spanien, weil ich den spanischen Fussball generell sehr mag.

Persönlich

Gilbert Gress (74) wurde in Strassburg (F) geboren und bekam bereits mit 19 Jahren seinen ersten Profivertrag als Fussballspieler bei Racing Strasbourg. Seine Profikarriere führte ihn unter anderem nach Stuttgart, Marseille und Neuchâtel Xamax, wo er 1977 seine Karriere beendete. Danach war er als Trainer tätig – unter anderem bei der Schweizer Fussballnationalmannschaft von 1998 bis 1999.

Ergebnisse der Mai-Umfrage

«Werden Sie Ihre Alltagsgewohnheiten während der Fussball-EM ändern?»