«Frauen müssen sich sichtbar machen»

Bei der Post liegt der Frauenanteil in Kaderfunktionen mit 12,6 Prozent im weltweiten Mittel.

16.02.2016
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: Annette Boutellier; Illustrator: Dennis Oswald, Branders
Claudia Kaiser

Claudia Kaiser

72 Prozent der Umfrageteilnehmenden sind der Meinung, dass die Post genügend für die Karriere der Frauen macht. Die Frauenquote bei Kaderpositionen ist aber nach wie vor niedrig!

Ja, auch bei der Post nimmt der Frauenanteil in Führungspositionen nach oben hin ab, obwohl rund die Hälfte aller Mitarbeitenden Frauen sind und 80 Prozent der Kaderstellen intern besetzt werden. Doch wir haben – als eines von wenigen grossen Unternehmen – eine Frau an der Spitze. Die Wirkung von Susanne Ruoff als Vorbild ist nicht zu unterschätzen. Seit ihrem Antritt im Jahr 2012 konnte der Frauenanteil in Kaderfunktionen von 8,0 auf 12,6 Prozent gesteigert werden.

Weibliche Vorbilder sind also in der Frauenförderung zentral?

Genau. Sie motivieren vor allem jüngere Frauen, die weiterkommen wollen. Übrigens bestätigt dies auch eine KPMG-Studie. Frauen in Führungspositionen arbeiten hart daran, andere Frauen nachzuziehen. Frauen in höheren Positionen gelingt es besser als ihren männlichen Kollegen, Netzwerke zu öffnen und talentierte Frauen – auch wenn sie Teilzeit arbeiten – zu erkennen.

Dann ist Teilzeit nicht unbedingt ein Karrierekiller?

Sobald Teilzeit im Kader allgemein akzeptiert ist, wird es für Frauen einfacher, nach oben zu kommen. Aktuell sind wir noch nicht so weit. Insofern unterstütze ich die Kommentare zur Frage des Monats, dass es nicht nur eine Frauenthematik ist, sondern wir für alle attraktive Arbeitsmodelle schaffen müssen.

Was machen beruflich erfolgreiche Frauen anders?

Sowohl für Frauen als auch für Männer ist die Visibilität für die Karriere entscheidend. Frauen, die beruflich Erfolg haben, müssen also bekannt sein und sich im richtigen Moment selbst in den Vordergrund stellen. Erfolgreiche Frauen muten sich im Vergleich zu den anderen Frauen insgesamt mehr zu und freuen sich darauf, Verantwortung zu übernehmen.

Schätzen sich Frauen und Männer nicht oft auch unterschiedlich ein?

Dieser Unterschied ist uns bewusst. Wir stellen immer wieder fest, dass Männer sich auch Positionen zutrauen, deren Anforderungen sie nur teilweise erfüllen. Viele Frauen hoffen unbewusst darauf, «entdeckt» zu werden, und brauchen oft eine zusätzliche Ermutigung, um sich zu bewerben. Diese «anerzogenen» Unterschiede gilt es aufzulösen.

Wie setzt sich die Post konkret für die Förderung der Frauen ein?

Bei der Post ist die Frauenförderung kein isoliertes Programm, sondern Teil einer übergeordneten Strategie. Dies mag allenfalls die Kollegen beruhigen, die sich kritisch zur Frage des Monats geäussert haben. Wir fördern die Vielfalt dort, wo sie fehlt – beispielsweise in den Geschäftsleitungen. Zudem schreiben wir alle Kaderstellen konsequent mit einem Pensum von 80 bis 100 Prozent aus. Dies hat dazu geführt, dass wir bei Stellenausschreibungen mehr Frauendossiers erhalten. Zudem setzen wir auf Vielfaltsnetzwerke (siehe unten) und unterstützen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, unter anderem mit familienfreundlichen Arbeitsmodellen.

Aber machen wir uns nichts vor, eine Frau, die Karriere macht, gilt doch schnell mal als Rabenmutter ...

Frauen und Männer stecken im Dilemma. Die Gesellschaft denkt und handelt oftmals sehr stereotyp. Nicht selten werden beruflich stark engagierte Mütter im beruflichen wie auch im privaten Umfeld als Rabenmütter bezeichnet.

Sie sind selbst Mutter und arbeiten Vollzeit. Gab es auch schon Reaktionen?

Als Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern arbeite ich neu Vollzeit, mein Mann übernimmt die Familienarbeit. Die Reaktionen im Umfeld erstaunen mich immer wieder: Während mein Mann gefragt wird, ob es ihm genüge, «nur» zu Hause zu sein, werde ich gefragt, wie ich es denn schaffe, so viel zu arbeiten und ob ich die Kinder nicht vermisse. Ich bin mir sicher, hätten wir das klassische Modell, käme keine dieser Fragen.

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Infoveranstaltung Netzwerk MOVE, 2. März 2016, Espace Post (Anmeldung via LMS)
Vorstellen der Angebote des Frauennetzwerks Advance Women.
www.advance-women.ch

Ergebnisse der Januar-Umfrage

«Macht die Post genug für die Karriere von Frauen?»