«Es braucht in Sachen Erreichbarkeit ein klares Signal des Unternehmens»

Die Psychologin Nicola Jacobshagen forscht an der Universität Bern zum Thema Wertschätzung und Stress am Arbeitsplatz. Sie erklärt, was die ständige Erreichbarkeit bei Arbeitnehmern bewirkt.

18.05.2016
Interview: Lea Freiburghaus; Fotos: Monika Flückiger; Illustrator: Dennis Oswald, Branders
  • Nicola Jacobshagen

    Nicola Jacobshagen

  • Nicola Jacobshagen

    Nicola Jacobshagen

Über 90 Prozent der Postmitarbeitenden, die an der Umfrage teilgenommen haben, verneinen die Antwort. Überrascht Sie das?

Nein, das erstaunt mich nicht. Denn eigentlich trennen wir zwischen den verschiedenen Lebensbereichen. Arbeit ist ein ganz wichtiger, aber wir haben noch andere wie Familie, Freunde, Hobbys usw. Auch die fordern uns und nehmen unsere Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch.

Aufgrund neuer technischer Möglichkeiten wird die ständige Erreichbarkeit für immer mehr Mitarbeitende zum Thema. Was bedeutet das?

Die Herausforderung von Smartphones und Tablets liegt darin, dass man mit bloss zwei Klicks sofort die neuesten E-Mails hat.

Was macht das mit den Menschen?

Man muss sich stets fragen: Warum wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das? Der Arbeitgeber erhofft sich eine gute Leistung, dadurch dass der Mitarbeitende derart engagiert ist. Der Arbeitnehmer erhofft sich Bestätigung in seinem Job. Dass ich auch ausserhalb der Arbeitszeiten angefragt werde, zeigt mir, ich bin wichtig. Und oft sind damit natürlich auch Karriereaussichten verbunden. Gerade von Führungskräften wird häufig erwartet, dass sie ständig erreichbar sind.

Das klingt jetzt eher positiv. Was sind die negativen Auswirkungen?

Sobald sich die Lebensbereiche untrennbar vermischen, droht die Work-Life-Balance aus dem Lot zu geraten. Ausserdem muss man sich von all seinen Anforderungen erholen: Wichtig sind genügend Schlaf und Auszeiten, in denen man Dinge tut, die zur Erholung beitragen. Das gelingt jedoch nicht, wenn das Smartphone auch nachts dauernd piepst und man permanent seine E-Mails – die beruflichen wie auch die privaten – checkt.

Wie kann man sich schützen?

Es braucht in Sachen Erreichbarkeit ein klares Signal des Unternehmens an die Mitarbeitenden. Wichtig ist auch die Schulung von Vorgesetzten: Viele haben noch die Zeit erlebt, in der es Usus war, immer erreichbar zu sein. Das erwarten sie nun ihrerseits. Auf Ebene Mitarbeitende geht es vor allem um die Sensibilisierung: Wann und wo bin ich erreichbar, was kann ich akzeptieren? Dazu braucht es Absprachen in Teams und ein übergeordnetes Leitbild, das einen klaren Rahmen vorgibt.

Wer ist verpflichtet, ständig erreichbar zu sein?

Es gibt Stellen, da ist es unerlässlich, beispielsweise im Notfalldienst oder wenn man auf Pikett ist. Aber auch da gilt der Grundsatz: Das Unternehmen muss dafür sorgen, dass sich die Mitarbeitenden erholen können.

Was sagt das Arbeitsgesetz zum Thema Erreichbarkeit?

Wenig. Dieser Punkt wird nicht im juristischen, sondern im sogenannten psychologischen Arbeitsvertrag, d.h. im Anstellungs- und Mitarbeitergespräch diskutiert: Was für Anforderungen müssen erfüllt werden, was darf man dafür erwarten, und worauf sollte man verzichten? Denn die Erholung eines Mitarbeitenden ist viel wichtiger für die Leistung und die Leistungsmöglichkeiten als die ständige Erreichbarkeit.

Wie halten Sie es mit der Erreichbarkeit?

Bei mir steht an der Bürotür, wann ich da bin und wann nicht. Doch auch ich bin nicht davor gefeit, meine E-Mails ausserhalb der Arbeitszeit zu checken. Aber irgendwann gegen Abend höre ich damit auf – und ernte dafür Frustration bei denen, die mich unbedingt noch erreichen wollten.

Das empfiehlt die Post

«Moderne Kommunikationsmittel begleiten uns überall hin. Sie schaffen neue Möglichkeiten und erlauben je nach Funktion ein flexibles Arbeiten unabhängig von Ort und Zeit. Doch die ständige Erreichbarkeit – geschäftlich und privat – kann auch belastend sein. Abschalten ist wichtig für die Gesundheit, und darauf legen wir Wert. Deshalb gilt bei der Post der Grundsatz: Ihre Freizeit gehört Ihnen!
Sprechen Sie sich bei Bedarf in Ihrem Team ab und klären Sie die gegenseitigen Erwartungen. Wann und wie wollen Sie für wen erreichbar sein? Wann nicht? Organisieren Sie sich entsprechend Ihren Aufgaben.
Auf unseren Grundsatz und die im Team definierten Abmachungen dürfen Sie sich jederzeit berufen. Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Gesundheit:
Nutzen Sie die modernen Kommunikationsmittel so, dass Sie gesund bleiben.»
Yves-André Jeandupeux, Mitglied der Konzernleitung, Leiter Personal

Ergebnisse der April-Umfrage

«Muss ich für meinen Vorgesetzten ständig erreichbar sein?»