«Die perfekte Postkarte ist eine, mit der ich nicht gerechnet habe»

Der Portugiese Paulo Magalhães (36) gründete Postcrossing aus einem einfachen Grund: Er wollte mehr Postkarten erhalten. Aus einer kleinen Idee ist mittlerweile ein riesiges Projekt geworden.

22.08.2017
Interview: Sandra Gonseth
  • Paulo Magalhaes

    Paulo Magalhães, Gründer Postcrossing

  • Briefmarke Postcrossing
  • Briefmarke Postcrossing
  • Briefmarke Postcrossing

Sie gründeten Postcrossing, um einen vollen Briefkasten zu haben. Fühlten Sie sich einsam?

Überhaupt nicht – doch ich wollte schon immer am liebsten mit der ganzen Welt in Verbindung stehen. Ich finde, Postkarten sind eine spannende Möglichkeit, die Welt kennenzulernen. Etwas Handgeschriebenes, das vom Absender mit einer Briefmarke beklebt wird, das Ländergrenzen überquert, bis es in die Hände des Postboten und schliesslich in meinen Briefkasten gelangt – als Träger einer Botschaft und der Geschichte einer Reise. Das hat etwas Magisches.

Wie kam Postcrossing zustande?

Ich dachte mir, dass es wohl noch andere Menschen gibt, die ebenfalls gerne mehr Postkarten erhalten möchten. Es gab jedoch keine Möglichkeit, mit ihnen in Verbindung zu treten. Damals studierte ich Informatik. Eine Website zu erstellen, die dieses Problem löst, war für mich somit naheliegend. Mit Postcrossing erreichte ich gleich zwei meiner Ziele: Mehr Postkarten im Briefkasten haben und gleichzeitig die Welt dadurch vernetzen.

Seit der Gründung 2005 wurden bereits mehr als 40 Millionen Postkarten über Postcrossing verschickt. Hätten Sie diesen Erfolg erwartet?

Keineswegs! Alles begann als Nebenbeschäftigung in meiner Freizeit. In den ersten Monaten betrieb ich die Website von zu Hause aus auf einem alten staubigen Rechner in einem Kleiderschrank. Ich hoffte, dass ein paar Leute den Dienst mal ausprobieren würden – aber dass er derart grossen Anklang findet, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weshalb kommt dieses Projekt bei den Leuten so gut an?

Zum einen ist es der Überraschungsfaktor. Niemand weiss, wohin seine nächste Postkarte geht und woher die nächste Karte kommt – das ist aufregend! Zum anderen geht es auch darum, etwas Gutes zu tun. Man wählt ein schönes Sujet aus, verfasst eine nette Nachricht, um einer anderen Person eine Freude zu machen.

Was macht denn der Reiz einer Postkarte aus?

Eine Postkarte ist etwas Besonderes. Sie wird vom Empfänger viel mehr wertgeschätzt als eine Sofortnachricht, die auf Knopfdruck an Dutzende von Adressaten gesendet wird. Ausserdem hängt niemand seine E-Mails an die Kühlschranktür: Dieser Platz ist Postkarten vorbehalten.

73 Prozent der Umfrageteilnehmenden schreiben aus ihren Ferien Postkarten. Erstaunt Sie diese hohe Zahl?

Das überrascht mich nicht. Ich denke, die Freude darüber, Post zu erhalten, ist ein Gefühl, das fast alle Menschen kennen. Wir haben Postcrosser in mehr als 200 Ländern. Postcrossing ist etwas für alle, ungeachtet von Alter, Geschlecht, Beruf und Glaubensvorstellungen. Denn alle bekommen gerne Postkarten. Ich glaube, deshalb kann sich auch jeder damit identifizieren.

Inwiefern hat Postcrossing den Charakter eines sozialen Netzwerkes?

Kurz nachdem ich das Projekt ins Leben gerufen hatte, begann eine Community zu entstehen. Bei Postcrossing ist es nichts Ungewöhnliches, dass Absender und Empfänger nach dem Erhalt einer Postkarte in Kontakt bleiben und sich daraus eine Freundschaft entwickelt. Wir kennen Hunderte Geschichten von Menschen, die sich über Postcrossing kennengelernt haben, Freunde wurden und sich irgendwann persönlich trafen. Bald findet in der Schweiz sogar die Hochzeit von zwei Postcrossern statt, die sich über eine simple Postkarte kennengelernt hatten.

Wie hat Postcrossing Ihr Leben verändert?

Sehr stark! Das Projekt ist in den vergangenen zwölf Jahren so stark gewachsen, dass ich mich ihm mittlerweile Vollzeit widme, damit alles reibungslos läuft. Hin und wieder ist das ziemlich anstrengend. Es ist jedoch auch sehr bereichernd zu wissen, dass dadurch jeden Tag so viele Menschen glücklich gemacht werden.

Und welches ist für Sie die perfekte Postkarte?

Eine, mit der ich nicht gerechnet habe! Aber ich freue mich natürlich über jede Postkarte – alle sind auf ihre Art etwas Besonderes. Bonuspunkte gibt es, wenn die Karte etwas über die Person oder den Ort erzählt, von dem sie abgesendet wurde.

Was ist Postcrossing?

Per Zufallsgenerator werden Adressen von registrierten Nutzern aus der ganzen Welt Nutzern aus anderen Ländern zugeteilt. Jeder, der an die ihm zugewiesene Adresse eine Postkarte sendet, bekommt auch eine zurück. Mittlerweile ist die Community zu einem grossen Netzwerk angewachsen. Bereits mehr als 683 000 Menschen aus 211 Ländern sind aktiv dabei. Die Post widmet Postcrossing drei Briefmarken. Die scannbaren Marken sind ab 7. September 2017 in allen Poststellen und auf postshop.ch erhältlich. www.postcrossing.com

Ergebnisse der Juni-Umfrage

«Schreiben Sie Postkarten aus den Ferien?»