«Wir legen den Fokus auf das, was wir ändern können»

Wir alle erleben im Verlauf unseres Lebens Krisen und Rückschläge. Arbeitspsychologin Sandra Schneider weiss, wie man mit schwierigen Situationen am besten umgeht.

11.12.2018
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: Yoshiko Kusano
  • Sandra Schneider

    Sandra Schneider (30) ist Arbeitspsychologin und Fachspezialistin beim Gesundheitsmanagement der Post. Sie erholt sich am besten mit Sport draussen in der Natur.

  • Sandra Schneider

    Sandra Schneider (30) ist Arbeitspsychologin und Fachspezialistin beim Gesundheitsmanagement der Post. Sie erholt sich am besten beim Sport draussen in der Natur.

Frau Schneider, auch Sie erleben sicher ab und zu schwierige Situationen. Wie widerstandsfähig sind Sie?

Ich würde mich als resilient, also psychisch widerstandsfähig, bezeichnen. Doch es ist kein starrer Zustand. Obwohl ich Psychologin bin und bereits im Studium viel über Resilienz gelernt habe, ist die Umsetzung im Praxisalltag auch für mich nicht immer einfach. Es ist ein stetiges Weiterentwickeln und Üben.

Man kann also seine Widerstandsfähigkeit trainieren?

Genau. Wir legen den Fokus auf das, was wir ändern können und werden aktiv. Das, was wir nicht ändern können, versuchen wir zu akzeptieren. Oft macht auch ein gewisser Grad an Optimismus den Unterschied aus. Widerstandsfähige Menschen bewerten eine herausfordernde Situation zum Beispiel eher positiv anstatt negativ. Sie sind überzeugt, dass sie mit ihren Fähigkeiten die Krise überwinden können.

Ist es denn Veranlagung, ob ich das Glas eher halbvoll oder halbleer sehe?

Teilweise. Es gibt einen angeborenen Anteil - über die genaue Zahl widersprechen sich die Studien aber bis heute. Doch der grössere Teil der Widerstandsfähigkeit ist erlernbar und wird geprägt durch Erfahrungen und Üben.

Haben Sie ein Beispiel?

Widerstandsfähige Menschen nutzen mehr Schutzfaktoren der Resilienz (siehe Kasten). Dadurch kommen sie gestärkt aus Herausforderungen und Krisen und können sich besser weiterentwickeln - wie ein Stehaufmännchen. Ganz konkret verfügen sie beispielsweise über ein gutes Netzwerk, bei dem sie bei Bedarf Unterstützung holen können. Denn gerade widerstandsfähige Menschen lösen Probleme nicht alleine.

Der Stress nimmt an allen Fronten zu. Ist es nicht ganz normal, dass wir ab und zu überfordert sind?

Sicherlich. Aber es geht nicht nur um die Überforderung an sich, sondern auch darum, wie ich damit umgehe. Gebe ich auf, bleibe ich passiv - oder werde ich aktiv, weil ich weiss, dass ich etwas ändern kann.

Die Postmitarbeitenden scheinen mit 70 Prozent (siehe Grafik) ziemlich widerstandsfähig zu sein. Sehen Sie das auch so?

Man hat kaum hundertprozentige Widerstandskraft. Es kommt immer auch auf die Situation an. Es gibt Tage, wo man es besser umsetzen kann und Tage, an denen es schlechter gelingt. Man darf auch nicht vergessen, dass solche Befragungen eine Momentaufnahme darstellen. Es ist aber ganz wichtig zu wissen, was man bereits gut macht und wo man noch wachsen kann. Dies lernen Interessierte zum Beispiel in den Resilienz-Kursen, die die Post anbietet (siehe Kasten).

Wie kann man seine Resilienz im Alltag stärken?

Der eigene Energiehaushalt ist ein wichtiges Thema: Was frisst bzw. gibt mir Energie? Wichtig ist, Hobbys und Beziehungen zu pflegen, die einem Energie und Unterstützung geben. Erfolgserlebnisse und positive Feedbacks steigern die Überzeugung, auch zukünftige Herausforderungen zu meistern. Offen sein für neue Erfahrungen, indem man ab und zu seine Komfortzone verlässt. Und nicht vergessen: Auch mal innehalten und den Alltag bewusster erleben.

Schutzfaktoren der Resilienz

• Optimismus: positiv denken und nicht vom Schlimmsten ausgehen
• Akzeptanz: Rahmenbedingungen akzeptieren und aktiv werden, wo es Sinn macht
• Selbstwirksamkeit: von sich und den eigenen Fähigkeiten überzeugt sein und diese nutzen
• Achtsamkeit: für Ausgleich sorgen und zu sich Sorge tragen
• Netzwerk: private Beziehungen regelmässig pflegen
• Energietankstellen nutzen: Hobby, ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung

Resilienz-Kurse bei der Post

Zurzeit bietet die Post an verschiedenen Standorten Resilienz-Kurse für Mitarbeitende und Führungskräfte an. Auch 2019 sind wieder solche Kurse geplant. Weitere Infos: im LMS unter Resilienz

Ergebnis der Umfrage