«Die Schweiz hat sich lange auf den Lorbeeren ausgeruht»

Stephan Sigrist, Gründer und Leiter des Thinktanks W.I.R.E., plädiert dafür, das ganzheitliche Verständnis von Innovation ins Zentrum zu rücken – und den Fokus auf die Kundenbedürfnisse zu legen.

30.10.2018
Interview: Simone Hubacher

Stephan Sigrist

Alle möchten innovativ sein, aber was ist denn nun genau eine Innovation?

Stephan Sigrist: Im Mittelpunkt einer Innovation steht der Nutzen, den die Lösung für einen Kunden, ein Unternehmen oder für die Gesellschaft hat. Eine Innovation sollte nicht nur marktorientiert sein, sondern auch prozessorientiert und auf die Gesellschaft abgestimmt. Innovation ist also nicht – wie oft angenommen – eine Erfindung oder eine neue Technologie per se.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Sie spielt zweifelsfrei eine zentrale Rolle. Es gibt aber auch einen Hype ums Thema. Zum Glück wächst aktuell das Bewusstsein, dass es gerade abseits von digitalen Lösungen ein Potenzial für Differenzierung und auch Beratung gibt.

Wie innovativ erleben Sie die Post von aussen?

Als Kunde habe ich vor allem das digitale Portal wahrgenommen, mit dem ich die Zustellung meiner Lieferungen selbst steuern kann. Ein grosser Mehrwert, der sogar noch Potenzial für weitere Optimierung aufweist. Auch durch andere Berührungspunkte habe ich die Post als innovative Organisation erlebt, die viel Aufwand betreibt, eine offene und agile Kultur zu fördern.

Was kann die Post punkto Innovation noch besser machen?

Ich bin nicht in der Lage, hierzu eine umfassende Einschätzung abzugeben. Aufgrund von punktuellen Eindrücken glaube ich, dass die Innovationskultur der Post an vielen Stellen stark auf digitale, technische Fortschritte ausgerichtet ist. Hier würde ich das ganzheitliche Verständnis von Innovation ins Zentrum rücken. Dabei gilt es, den Fokus auf die Kundenbedürfnisse zu legen.

Wodurch zeichnen sich innovative Unternehmen in der Schweiz aus?

Durch den Mut, sich konsequent auf ein künftiges Bedürfnis auszurichten. Aber auch durch die Fähigkeit, sich den neuen Rahmenbedingungen anzupassen und diese mit Leidenschaft und eigenem Ansatz zu verfolgen. Wer neue Wege gehen will, muss eigenständige Lösungen entwickeln. Langfristiges Denken und Handeln sind dabei sehr wichtig. Man muss jedoch auch in Kauf nehmen, dass Projekte scheitern.

Wo steht die Schweiz in Sachen Innovation im internationalen Vergleich?

Aktuelle Studien haben die Schweiz als wettbewerbsfähigstes Land zurückgestuft. Agile Strukturen fehlen – das ist in den USA stärker ausgeprägt. Die Schweiz hat sich lange auf den Lorbeeren ausgeruht. Startups sind wichtig für die Innovationsfähigkeit, aber damit ist es nicht getan. Es geht vor allem um die grossen Unternehmen, die schwerfällig unterwegs sind, aber auch um die KMU als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Aber: Die Schweiz kann sich im internationalen Wettbewerb behaupten, denn die Nähe zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden ist ein grosser Trumpf.

Wie unterstützen Sie Unternehmen respektive Ihre Kunden?

Wir helfen, die Zukunftsfähigkeit von Organisationen zu fördern. Gemeinsam mit den Kunden identifizieren wir Innovationen und entwickeln «Landkarten», die helfen, wichtige Veränderungen frühzeitig zu entdecken sowie sich im dynamischen Umfeld zu orientieren. Dies geschieht durch Interaktionen wie Inputreferate oder Workshops, oder durch strategische Projektarbeit. Häufig begleiten wir die Kunden über einen längeren Zeitraum hinweg. Gerade das Früherkennungssystem läuft kontinuierlich, da sich die Partner ja kontinuierlich mit den Chancen und den Herausforderungen beschäftigen wollen und dadurch der grösste Nutzen entsteht.

Thinktank W.I.R.E

W.I.R.E. ist ein führender interdisziplinärer Thinktank, der sich seit rund zehn Jahren mit globalen Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft beschäftigt. Im Fokus des Schweizer Denklabors stehen die frühe Erkennung neuer Trends und deren Übersetzung in Strategien und Handlungsfelder für Unternehmen und öffentliche Institutionen. Thematische Schwerpunkte sind die digitale Wirtschaft, gesellschaftliche Innovation und die Förderung der Zukunftsfähigkeit.

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