«Die Taktiken sind vielfältig, oft kommen Ausreden zum Einsatz»

Für Christian Maag vom Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben ist Illettrismus, also eine Lese- oder Schreibschwäche, nichts Ungewöhnliches. Betroffene sollen einen Schreibkurs als genauso selbstverständlich anschauen wie den Besuch eines Fitnessstudios.

21.08.2018
Interview: Sandra Gonseth; Fotos: Annette Boutellier
Christian Maag in seinem Berner Büro

Christian Maag, Geschäftsführer Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben.

Wie bewältigen Menschen mit einer Lese- oder Schreibschwäche den Alltag?

Der Umgang mit dieser Herausforderung ist sehr unterschiedlich: Einige Betroffene können ihre Schwächen durch andere Stärken ein Stück weit kompensieren. Andere versuchen, problematische Situationen geschickt zu umgehen oder sich Hilfe zu holen.

Man schummelt sich also durch?

Viele betroffene Menschen entwickeln Umgehungsstrategien und sind geschickt darin, mit ihrem Defizit zu leben bzw. dieses nicht gegen aussen zu zeigen. Die Taktiken sind vielfältig, oft kommen dabei Ausreden zum Einsatz.

Welche zum Beispiel?

Wenn Betroffene etwa ein Formular ausfüllen müssen, sagen sie, sie hätten ihre Brille vergessen und würden es zu Hause machen. Dort erhalten sie dann Unterstützung. Je öfter bzw. länger jemand aber in Kontakt mit denselben Menschen steht, desto schwieriger wird es, diese Strategien anzuwenden, ohne dass dies längerfristig auffällt.

Ein solches Versteckspiel schlägt doch sicher mit der Zeit auf die Psyche?

Je nach individuellem Ausmass braucht es sicherlich viel Kraft und Anstrengung, um mit der Situation umzugehen. Sehr viele empfinden grossen Stress und Druck und leiden unter einem schlechten Selbstwertgefühl. Doch nicht alle Betroffenen finden den Alltag als belastend, einige meistern ihn gut.

Wie viele Menschen sind von Illettrismus betroffen?

In der Schweiz können rund 800 000 Menschen –16 Prozent der Wohnbevölkerung – nicht gut genug lesen, um einfache Texte zu verstehen. Zu diesem Ergebnis kam eine 2005/06 publizierte Studie des Bundesamts für Statistik BFS, die die Grundkompetenzen von Erwachsenen untersuchte. Leider gibt es bis heute keine aktuelleren Zahlen. Schon gar nicht über allfällige Dunkelziffern, mit denen bei diesem tabuisierten Thema gerechnet werden muss.

Weshalb ist Illettrismus ein solches Tabu?

Heute ist es leider typisch, dass Menschen mit einem solchen Defizit als dumm oder faul angesehen werden. Dabei hat eine Lese- und Schreibschwäche nichts mit Intelligenz zu tun, wie das Beispiel des diesjährigen Nobelpreisträgers für Chemie Jacques Dubochet zeigt. Sie kommt in allen Bildungsschichten vor.

Wir haben ein gut funktionierendes Schulsystem. Weshalb gibt es überhaupt solche Defizite?

Es spielen fast immer mehrere Faktoren mit. Beispielsweise fördern das Vorlesen der Eltern und Fingerverse die Grundfähigkeiten. Häufige Krankheitsabsenzen oder nicht erkannte Seh- oder Hörprobleme wiederum hemmen die Entwicklung. Zudem spielt eine wichtige Rolle, wie wohl sich die Betroffenen als Kind in der Schule fühlten und wie Lernen erlebt wurde. Grundsätzlich lässt sich das Problem auch nicht lediglich auf individueller Ebene angehen, da es sich um ein gesellschaftliches Phänomen handelt.

Wer steht denn in der Verantwortung?

Man muss Illettrismus mit politischen Massnahmen angehen. Seit letztem Jahr fördern Bund und Kantone die Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben bei Erwachsenen über das Weiterbildungsgesetz. Der Bund hat Anfang 2018 den Förderschwerpunkt «Einfach besser am Arbeitsplatz!» lanciert. Dieser ermöglicht es Unternehmen, finanzielle Mittel für die Unterstützung ihrer Mitarbeitenden in Bezug auf die Grundkompetenzen am Arbeitsplatz zu erhalten.

Und was raten Sie Betroffenen?

Betroffene können einen für sie passenden Kurs besuchen. Wichtig scheint mir, dass sie in ihren Bemühungen von ihrem Arbeitgeber, ihren Familien und ihren Freunden unterstützt werden. Achtsam ansprechen ist wichtiger als schamvoll schweigen. Wir wollen aufzeigen, dass eine Lese- oder Schreibschwäche nichts Ungewöhnliches ist. Ziel ist es, dass das Defizit nicht zum Stigma wird und ein Schreibkurs als genauso selbstverständlich wahrgenommen wird wie der Besuch eines Fitnessstudios.

Was ist Illettrismus?

Von Illettrismus spricht man, wenn erwachsene Menschen trotz Schulbesuch nicht über ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen verfügen, die es ihnen ermöglichen, den privaten und beruflichen Alltag selbstständig gestalten zu können. Illettrismus unterscheidet sich insofern vom Analphabetismus, als letzterer Personen betrifft, die nie eine Schule besucht haben und also gar nie die Gelegenheit gehabt haben, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

Machen Sie den ersten Schritt!

Als betroffene Person lohnt es sich, sich über die kostenlose, unverbindliche Beratungshotline 0800 47 47 47 über die vorhandenen Möglichkeiten zu informieren. Auf der Webseite www.besser-jetzt.ch findet man ausserdem entsprechende Kurse. Sie können sich für weitere Fragen oder ein unverbindliches Gespräch auch an die Sozialberatung der Post wenden: 058 341 40 40, E-Mail: gesundheitundsoziales@post.ch

Ergebnisse der Umfrage

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