«Es geht um Postdienstleistungen und nicht um gelben Beton»

Thomas Baur, Leiter Poststellen und Verkauf, zieht nach neun Monaten Gesprächen mit den Kantonen über den Umbau des Postnetzes Bilanz und spricht über Mitarbeitende, Bareinzahlungen, Regionalität und zwischenmenschlichen Kontakt.

Ausgabe 6/2017
Interview: Claudia Iraoui
Thomas Baur, Leiter Poststellen und Verkauf

Thomas Baur, Leiter Poststellen und Verkauf

Nach ausführlichen Gesprächen mit den Kantonsbehörden hat die Post angekündigt, welche 765 Poststellen garantiert sind. Im letzten Herbst sprach die Post noch von 800 bis 900 gesicherten Poststellen. Werden also mehr Poststellen verschwinden als geplant?

Nein, gar nicht: Im Jahr 2020 wird unser Netz noch aus 800 bis 900 Poststellen bestehen. Die genannten 765 sind diejenigen Poststellen, die im Rahmen der Gespräche mit den Kantonen garantiert sind. Die restlichen Poststellen bilden den Handlungsspielraum für die bevorstehenden, ergebnisoffenen Gespräche mit diesen Gemeinden. Einige Poststellen werden in der aktuellen Form beibehalten, andere in Agenturen umgewandelt.

Was ist Ihr Fazit aus den Kantonsgesprächen?

Es waren intensive Monate, aber es hat sich gelohnt! Die Kantone haben sich über den Zeitrahmen, den weiteren Netzumbau und den Stellenabbau sehr besorgt gezeigt. Am Ende hat sich aber ein Klima von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis entwickelt, und wir konnten mit zweckmässigen Lösungen und einem offenem Dialog beweisen, dass die Gespräche keine blosse Alibiübung waren.

Politiker aller Parteien haben der Post schon immer sehr genau auf die Finger geschaut. Wie beurteilen Sie die aktuellen Reaktionen zur Umwandlung des Postnetzes?

Ich sehe dieses Interesse für die Post als Kompliment: Ganz schlimm wäre, wenn all die Veränderungen, die wir vornehmen, unbemerkt vorübergingen. Die Politik ist immer ein Abbild der Bevölkerung, daher ist es logisch, dass zahlreiche Motionen im Parlament eingereicht werden. Aber kennen die Kritiker überhaupt das Modell der Agentur? Nein! Meistens sind es Politiker, die in Gemeinden mit einer Poststelle wohnen. Wenn das Agenturmodell wirklich so ungenügend wäre, warum reichen denn die Bewohner von Gemeinden mit einer Agentur keine Petitionen ein, um wieder eine Poststelle zu bekommen?

Was denken Sie, warum ist das so? Kritiker behaupten, dass das Dienstleistungsangebot einer Agentur beschränkt ist …

Dass in den Postagenturen nicht die gleichen Dienstleistungen angeboten werden wie in den Poststellen, wird uns oft unter die Nase gerieben. Wir haben es offenbar nicht geschafft, den Leuten schlüssig zu erklären, dass das Agenturmodell fast alle postalischen Dienstleistungen anbietet. Der letzte grosse Unterschied sind die Bareinzahlungen, die in der Agentur nur mit einer Bankkarte oder PostFinance Card möglich sind. Um das Problem zu lösen, werden wir in den Gemeinden mit Agentur – analog zum Hausservicemodell – die Bareinzahlung am Domizil einführen, die an der Haustür beim Zustellboten erfolgt. Nun können in den Agenturen 97 Prozent der Postdienstleistungen bezogen werden. Es bleiben also noch knapp drei Prozent der Dienstleistungen, die in der Agentur nicht erbracht werden, darunter die Betreibungen aus Gründen der Privatsphäre und die internationale Expresssendung, da sie äusserst selten beansprucht wird.

Die nächste Etappe sind die Gespräche mit den Gemeinden. Was erhoffen Sie sich?

Nachdem wir mit den Kantonen die 765 garantierten Poststellen definiert haben, geht es jetzt darum, mit den einzelnen Gemeinden die Poststellen unter die Lupe zu nehmen, die vom Umbau betroffen sein könnten. Das Ziel ist es, Lösungen zu finden, die alle Parteien zufriedenstellen. Beim Wie und Wann sind wir flexibel: Wir können die Bedürfnisse der Gemeinden berücksichtigen, den Zeitrahmen und die Art der Lösung anpassen.

Was unternimmt die Post, um die 1200 Mitarbeitenden, die von der Netzumwandlung betroffen sind, zu unterstützen?

Die Post unternimmt seit jeher alles in ihrer Macht Stehende, um Entlassungen zu vermeiden. Wir setzen bereits jetzt verschiedene Massnahmen ein, wie interne Stellenangebote, Schnuppertage, berufliche Neuorientierungen und Weiterbildungskurse. Für die Mitarbeitenden ist es wichtig, dass sie sich bewusst sind, was ihnen mehr bedeutet: der Arbeitsort oder die Arbeit selbst. Ich bin überzeugt, dass wir für diejenigen eine Lösung finden, die eine gewisse Flexibilität an den Tag legen und Willen zeigen, die Ärmel hochzukrempeln. Die Mitarbeitenden von PV kennen die ganze Bandbreite der Postdienstleistungen und sind in den anderen Konzernbereichen sehr gefragt. Ausserdem sollten wir langsam den Effekt der Pensionierung der Babyboomer-Generation zu spüren bekommen. Generell ist es für die Post viel interessanter, in die Weiterbildung von Mitarbeitenden zu investieren, als Externe einzustellen.

Das Netz von Zugangspunkten wird grösser sein als das jetzige, verliert aber einiges an Human Touch. Wie unterstützt die Post die Kunden, die Sonderbedürfnisse haben?

Die Kunden fragen unsere Dienstleistungen vermehrt digital nach. Was den zwischenmenschlichen Kontakt anbelangt, so ändert sich nichts, da wir ja keine Poststelle durch einen My Post 24-Automaten ersetzen! In den meisten Fällen werden die Poststellen in Agenturen umgewandelt. Diese werden alle von Personen betrieben, die nicht die gleiche Ausbildung wie unsere Mitarbeitenden besitzen, aber eine Schulung erhalten und bei Fragen für die Kundschaft da sind.

Was geschieht mit dem Postnetz nach 2020? Bleibt die Post weiterhin regional verankert?

Ich sehe keinen Grund, weshalb die Post nach 2020 nicht die gleiche starke regionale Präsenz haben sollte. Ein starkes Netz ist im Interesse der Post, es ist ihre Visitenkarte. Ihr Gesicht wird nicht von der Menge an gelbem Beton geprägt, sondern von den erbrachten postalischen Dienstleistungen. Damit meine ich: Es ist nicht die zentrale Frage, wer den Zugangspunkt betreibt, sondern, welche Dienstleistungen ich dort in Anspruch nehmen kann. Auch aufgrund dieses Paradigmenwechsels hat der Bereich Poststellen und Verkauf entschieden, sich neu „PostNetz“ zu nennen. Wie das Netz nach 2020 aussehen wird, kann ich nicht sagen. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann: Die Post hat keinen Plan, die Poststellen nach 2020 um weitere Hunderte von Poststellen zu reduzieren. Aber natürlich ist entscheidend, wie sich die Gewohnheiten der Kundinnen und Kunden entwickeln.

Wird Ihr Bereich nach dem Netzentwicklungsprojekt schwarze Zahlen schreiben?

Solange eine flächendeckende regionale Präsenz vorausgesetzt wird, ist es praktisch unmöglich, Gewinn zu erwirtschaften. Aber 200 Millionen Verlust sind inakzeptabel. Daher ist es unser Ziel, diesen Betrag zu halbieren – wenn wir das schaffen, haben wir einen ausgezeichneten Job gemacht.

Politische Vorstösse

Die Post beschäftigt zur Zeit auch die Politik. Der Nationalrat hat in der Sommersession einen Vorstoss angenommen, der verlangt, dass die Erreichbarkeitskriterien für Postdienstleistungen künftig auf regionaler Ebene festgelegt werden. Zudem sollen Agenturen die gleichen Dienstleistungen anbieten müssen wie Poststellen. Die Einführung des Barzahlungsverkehrs würde aber den Tod des Agenturmodells bedeuten. Eine weitere Motion wurde im Ständerat eingereicht, die den Bundesrat beauftragt, eine strategische Planung zum Postnetz einzufordern. Im Parlament gab es bereits eine lange und emotionale Debatte, da viele Nationalräte befürchteten, die Post wolle mit der Netzentwicklung Fakten schaffen. Bundesrätin Doris Leuthard ermahnte in ihrem Votum den Nationalrat, Tatsachen und Emotionen zu trennen.