«Es geht um mehr Toleranz und Akzeptanz im Alltag»

John Léchenne (52) ist Verantwortlicher Tarifmanagement bei PostAuto und Co-Präsident des Netzwerks Mosaico. In Courtételle im Jura aufgewachsen, träumt er inzwischen auch auf Deutsch.

07.05.2019
Interview: Simone Hubacher; Fotos: Monika Flückiger
  • John Léchenne

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Die Postmitarbeitenden haben die Frage, wie oft sie im Berufsalltag Fremdsprachen benutzen, so beantwortet: 48 Prozent täglich, 30 Prozent gelegentlich, 22 Prozent nie. Überrascht Sie eine dieser Zahlen?

Was mich am meisten überrascht: Dass 22 Prozent nie eine andere Sprache sprechen. Das ist ein recht hoher Wert für unser Unternehmen, das mehrsprachig unterwegs ist.

Mosaico ist eines der Netzwerke der Vielfalt der Post (s. Kasten). Wie wurden Sie Co-Präsident?

Ich war dabei, als dieses Netzwerk in der Schönburg, dem früheren Hauptsitz der Post, gegründet wurde. Auch der frühere Personalchef Yves-André Jeandupeux – mit ihm hatte ich vor Jahren in Delsberg Volleyball gespielt – engagierte sich. Ohne Mitglieder lebt ein Netzwerk nicht. Deshalb war es für mich selbstverständlich, einen Beitrag zu leisten. Heute präsidiere ich Mosaico im Tandem mit Gerardina Bello.

Was kann Mosaico bewirken?

Bei der Post arbeiten Menschen aus 138 Nationen; sie sprechen 75 verschiedene Muttersprachen. Vor allem in den Brief- und Paketzentren begegnen sich Menschen verschiedenster Kulturen. Mit gezielten Aktionen machen wir auf die Diversität aufmerksam und versuchen, das Verständnis für andere Kulturen zu fördern.

Wie zum Beispiel?

Etwa, indem unser Netzwerk Interessierte zu einem Vortrag oder einem Theater einlädt. Dabei stehen immer verschiedene Kulturen im Zentrum und stellen sich vor. Es gab schon einige solche Anlässe und für dieses Jahr sind weitere Aktionen geplant. Die bestbesuchten Anlässe sind jene, die durch die Linie unterstützt werden, wie zum Beispiel letztes Jahr in Eclépens.

Was sind Sprachtische?

An den grössten Standorten der Post, im Berner Wankdorf und an der Mingerstrasse bei PostFinance sowie im Briefzentrum Eclépens, organisieren wir zweimal pro Monat Sprachtische auf Englisch, Französisch oder Italienisch. Ziel ist auch hier der Austausch über die Sprachbarrieren hinweg und das Eintauchen in andere Kulturen. Zwischen Mitarbeitenden aus Bellinzona und Bern gibt es auch regelmässig einen Austausch auf Englisch, und in Bern testen wir dieses Jahr einen Kulturtisch unter dem Motto «Fokus China». Diese Angebote laufen recht gut.

Was bedeutet es, Sprachenvielfalt zu leben?

Wenn jeder seine Sprache lebt, kann man Barrieren und Vorurteile abbauen. Es geht um mehr Toleranz und Akzeptanz im Alltag. Ein Vorgesetzter zum Beispiel sollte ein E-Mail auch dann lesen, wenn es nicht in seiner Muttersprache geschrieben ist – er sollte mit gutem Beispiel vorangehen, offen für Veränderungen und Neues sein.

Wie wichtig sind Sprachkenntnisse bei der Stellensuche?

Wer zwei bis drei Sprachen spricht, hat gegenüber den Mitbewerbern immer noch einen grossen Vorteil. Allerdings kommt es bei der Post auf den Bereich an. Auch Englisch ist hier sehr beliebt, zum Beispiel bei SPS. Ich beobachte, dass Westschweizer Kader zwingend Deutsch sprechen müssen, weil sie oft mit dem Hauptsitz in Kontakt stehen, die Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen aber nicht unbedingt Französisch sprechen. Die Vorgesetzten sind gefordert, wenn sie sprachdurchmischte Teams wollen. Das beginnt schon in der Schule. Ich finde es schade, dass man im Kanton Zürich nun zuerst Englisch spricht, bevor man Französisch lernt.

Wie kam bei Ihnen die gesprochene Grussbotschaft des neuen CEO an?

Indem Roberto Cirillo seine Grussbotschaft in Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch hielt, setzte er ein vorbildliches Signal für die sprachlichen Minderheiten!

Welches ist Ihre Lieblingssprache?

Natürlich Französisch, weil ich in Courtételle aufgewachsen bin. Aber ich lebe seit 18 Jahren mit meiner Familie in Studen (BE), arbeite seit 30 Jahren in Bern und habe mit Kollegen aus der ganzen Schweiz zu tun. So erstaunt es nicht, dass ich inzwischen auch mal auf Deutsch denke oder träume (schmunzelt) …

Das ist Mosaico

Mosaico setzt sich für eine gelebte Sprachen- und Kulturvielfalt bei der Post ein. Das Netzwerk ermöglicht Mitarbeitenden aus ganz verschiedenen Jobs, im Tandem regelmässig an ihren mündlichen Sprachkenntnissen zu feilen oder sich in der Mittagspause am Sprachtisch in verschiedenen Sprachen auszutauschen. Mit bewusster Sensibilisierung sollen zudem Horizonte erweitert und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen gefördert werden. mosaico@post.ch

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